Der gefallene Stern

Man schrieb das Jahr 1138, als nach Augenzeugenberichten ein Stern auf das Stammesgebiet der Wagrier¹ herabfiel. Als die Bewohner Starigards² und Lubicia³ den geschweiften Stern erblickten, der in einem flammenden Blitz in den Wäldern Wagriens verschwand, gerieten sie in Panik, denn so ein ungewöhnliches Himmelsereignis wurde gemeinhin als böses Omen gedeutet.

Andry lag in einem aus Zweigen und Blättern errichteten Unterschlupf und beobachtete, wie die alte Frau, die in der Einsiedelei am gegenüberliegenden Ufer des schmalen Flusses hauste, Wasser in ihren Krug schöpfte. Er stieß seinem Freund Kruto, der neben ihm lag, unsanft in die Rippen.
„Da, die Hexe!“ Andry zeigte hinunter zum Fluss.
Kruto drehte sich zur Seite und schielte durch den Ausguck. „Mist“, murmelte er. „So schnell komm‘ ich da jetzt nicht rüber in ihre Hütte, selbst wenn Du sie ablenkst.“
„Ach, was soll‘s.“ Andry rollte sich auf den Rücken und betrachtete das Blätterdach. „Ich glaube sowieso nicht, dass dort irgendetwas Interessantes zu finden ist.“
Kruto lachte. „Du bist ein Hasenfuß und hast Angst, dass die Alte Dich verhext.“

Andry seufzte. Er wollte sich nicht schon wieder mit Kruto streiten. Beste Freunde waren sie gewesen, bis sich ihre Väter im letzten Jahr zerstritten hatten. Ein paar wildgewordene Rindviecher, die Krutos Familie gehörten, hatten die Holzwerkstatt zerstört, die auf dem Hof von Andrys Familie stand. Die immer stärker werdende Abneigung ihrer Väter färbte auf die Freundschaft der Söhne ab.

„Wovon sich die Alte wohl ernährt?“, lenkte Andry ein.
„Sie frisst die Ratten, die ihre Katze fängt – oder kleine Kinder, die sich im Wald verirren“, erwiderte Kruto.
Nun war es Andry, der lachte. „Du glaubst doch nicht wirklich diesen Unsinn. Mein Vater meint, man soll nicht alles glauben, was die Leute erzählen.“
„Tatsächlich? Und woher weiß Dein Vater das? Meiner sagt immer, in jeder Geschichte steckt ein Fünkchen Wahrheit. Die Alte frisst kleine Kinder!“
„Unsinn.“
„Dann nehmen wir morgen Deine kleine Schwester mit und setzen sie da drüben aus. Dann werden wir ja sehen, ob’s Unsinn ist“, meinte Kruto verächtlich.
„Halt‘ meine Schwester da raus!“, rief Andry und ballte seine Fäuste. Sie wollten gerade aufeinander losgehen, als es schlagartig dunkel wurde. Erschrocken blickten sie nach draußen. Wie aus dem Nichts entfesselte sich ein Inferno: Sturmböen rissen an den Bäumen, Äste fielen herab, ein ungeheuerliches Brausen erhob sich. Dann wurde das Blätterdach ihres Unterschlupfs vom Sturm davongetragen. Schutzlos den Naturgewalten ausgeliefert, rollten sich die beiden jungen Männer in einer Mulde zusammen und verschränkten die Arme über ihre Köpfe. Eine leuchtende Kugel am Himmel, dann ein Blitz, gefolgt von einem gewaltiger Donnerschlag.

Der Sturm dauerte nur wenige Minuten an und ebbte so schnell ab, wie er gekommen war. Die dunklen Wolken verzogen sich, aber es wurde kaum heller, weil die Dämmerung einsetzte.

Kruto kniff die Augen zusammen und deutete auf ein schwaches Leuchten, das hinter der Flussbiegung aus dem Dickicht der Pflanzen hervorschien. „Hat die Hexe ein Feuer gemacht oder hat der Blitz eingeschlagen?“

Im Schutz der Uferböschung schlichen sie zum Fluss hinunter. Dort brannte kein Feuer, auch die alte Frau war nicht zu sehen. Stattdessen fanden sie die hochgewachsene, feingliedrige Gestalt eines Mannes mit hell leuchtender Haut, der bewusstlos im flachen Wasser nahe des Ufers lag. Erst als sie näher kamen, sahen sie glitzernde weiße Flügel, die am Rücken des Mannes schlaff herunterhingen.
„Was ist das?“, fragte Andry ehrfürchtig. „Ein Gott?“
Kruto schnaubte verächtlich. „Götter sind nicht so dürr. Außerdem ist dieser halbtot.“ Wie zum Beweis hob er den Arm des Flügelmannes an und ließ ihn zurück auf die Wasseroberfläche klatschen. In diesem Moment öffnete der Mann seine Augen und blickte Andry direkt ins Gesicht. Andry spürte ein Prickeln auf seiner Stirn, dann berührten ihn fremde Gedanken, zwei Worte formten sich in seinem Kopf: „Hilf mir!“
Verwirrt blickte Andry zu Kruto hinüber, aber dieser hat nichts bemerkt und übernahm wie gewohnt das Kommando: „Wir fesseln ihn und nehmen ihn mit ins Dorf.“

Niemand achtete auf Andry und Kruto, als sie das Dorf erreichten. Der Sturm hatte kaum Schäden angerichtet, aber der Schrecken über den vom Himmel gefallenen Stern hatte eine Panik unter den Bewohnern ausgelöst. Andry hatte sich den bewusstlosen Flügelmann, der sein Leuchten auf dem Weg ins Dorf verloren hatte, auf den Rücken gebunden. Andrys Vater kam ihnen entgegen gelaufen und rief Kruto zu: „Junge, geh‘ sofort nach Hause, Dein Vater sucht Dich. Deine Mutter liegt im Sterben.“
Dann wandte er sich Andry zu. „Wir haben uns große Sorgen um Euch gemacht.“ Er sah sich den Flügelmann an und befahl Andry, ihn in den Verschlag hinter dem Haus unterzubringen. „Wir kümmern uns morgen um ihn“, sagte er und ließ keinen Widerspruch zu. „Jetzt ist es wichtiger, den Nachbarn zu helfen. Und Du gehst zu Deiner Mutter und beruhigst Deine Geschwister. Die gebärden sich wie ein Haufen Hühner, wenn ein Fuchs im Stall ist!“

Bei Sonnenaufgang gingen Andry und sein Vater zu dem Holzverschlag und öffneten die Tür. Andry erschrak, als er hineinsah. Nichts erinnerte mehr an das leuchtende, wunderschöne Wesen, das sie im Fluss entdeckt hatten. Der Mann lag auf dem Stroh, verschmutzt, zerkratzt, mager und die grauen Flügel waren eingetrocknet wie Herbstlaub.

„Einen merkwürdigen Vogel habt ihr da eingesammelt“, meinte Andrys Vater. „Aber ich befürchte, dass er nicht mehr lange leben wird. Laß‘ Dir etwas Brühe von Deiner Mutter geben und seh‘ zu, ob Du ihn aufpäppeln kannst.“

Andry kam mit einem Teller Suppe und einem Löffel zurück. Er setzte sich neben den Flügelmann auf den Boden, hob den Kopf des Mannes an und träufelte ihm mit dem Löffel die Brühe in den Mund. Der Mann schluckte. Und noch ein paar Tropfen und wieder schluckte er. Nach einiger Zeit begann die Haut des Mannes leicht zu glimmen. Er öffnete die Augen und blickte Andry an. Wieder spürte Andry das Kribbeln auf der Stirn und wieder formten sich Worte in seinem Kopf.

„Danke, Andry.“
„Du kennst meinen Namen?“, fragte Andry.
Der Flügelmann nickte.
„Hast Du auch einen Namen?“
„Ja, ich heiße Luzien.“
„Luzien.“ Andry ließ sich den fremdklingenden Namen auf der Zunge zergehen. „Was bist Du? Und warum bist Du hier?“
Luzien blickte müde zu einem Loch in der Decke des Holzverschlags hoch. „Einige Menschen nennen uns Sterne, andere sagen, wir seien Engel. Ich bin hier, weil ich …“, er stockte, „weil ich gefallen bin“, fügte er dann hinzu.
„Bist Du gut oder böse?“
Luzien lächelte schwach. „Da wo ich herkomme, gibt es kein Gut und kein Böse. Es gibt nur das, was ist.“
Andry sah ihn zweifelnd an. „Das verstehe ich nicht.“
„Nun, Du bist freundlich zu mir und das soll nicht zu Deinem Schaden sein.“

In diesem Moment erhob sich draußen ein großes Geschrei. Andry verließ hastig den Verschlag, um zu sehen, was los war. Die Dorfbewohner hatten sich vor dem Haus seiner Familie versammelt. Die Frauen trugen Stöcke und Spaten bei sich, die Männer waren mit Äxten und Messern bewaffnet, vorneweg Krutos Vater, der wild gestikulierend vor Andrys Vater stand. „Du hast ein Monster auf Deinem Hof, Radek! Es hat meine Frau und mein ungeborenes Kind getötet!“

„Wovon redest Du, Zarko! Deine Frau ist vor Schreck hinfallen und hat sich dabei unglücklicherweise schwer verletzt! Das hast Du gestern selbst erzählt.“
„Sie hat sich erschrocken, weil dieses Monster vom Himmel gefallen ist. Hier, diese alte Frau aus dem Wald hat es gesehen und auch, dass unsere Söhne es hergebracht haben.“
Er wies auf die alte Frau, die ihren Stock hob und rief: „Das Monster bringt Unglück. Es muss brennen!“
Die anderen Bewohner stimmten mit ein und schrien: „Brennen muss es, brennen! Brennen muss es, brennen!“
Andrys Vater konnte den Mob nicht aufhalten, der seinen Hof stürmte. Die Männer zerrten Luzien aus dem Verschlag und schleiften ihn davon.

Andry verkroch sich unter dem Dach seines Elternhauses. Er hörte, wie sein Vater seiner Mutter erzählte, dass die Dörfler den Flügelmann gefoltert hätten, um ihn zum Reden zu zwingen. Ohne Erfolg, er hatte nicht einmal die Augen geöffnet. Am Nachmittag schichteten sie einen großen Haufen Holz auf dem Platz in der Mitte des Dorfes auf und noch am Abend wurde der Gefolterte auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Andry hörte das Geschrei und die Beschimpfungen der Dorfbewohner und hielt sich die Ohren zu. Erst spät in der Nacht, als der Scheiterhaufen niedergebrannt war und die Menschen in ihre Häuser zurückgekehrt waren, verließ Andry sein Versteck und ging zu dem noch glühenden Aschehaufen. Außer zweier Wachen, die vor sich hin dösten, war niemand zu sehen. Andry setzte sich auf einen Baumstumpf und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
„Luzien, das habe ich nicht verhindern können“, flüsterte er.
Plötzlich bewegte sich der Aschehaufen. Andry sah auf. Nur ein Glutnest, das in sich zusammenfiel. Doch, da noch eine Bewegung. Andry kniff die Augen zusammen und starrte in die Glut, aus der sich eine Gestalt erhob – groß, kräftig, dunkel und – grimmig.
„Luzien?“, flüsterte Andry.
Der Blick der Kreatur streifte ihn. „Ja, ich bin Luzien, der gefallene Engel, den ihr verschmäht habt, und auch der Dämon, den ihr aus Feuer erschaffen habt.“
„Bist Du jetzt böse? Wirst Du uns töten?“
Der Dämon lachte leise aber hörbar. Die Wachen schraken hoch und erstarrten beim Anblick des dunklen Engels, der seine mächtigen Schwingen spreizte. Funken sprühten, als Glutreste aus seinen Federn fielen.
Unhörbar für die Wachen formte Luzien seine Antwort in Andrys Kopf: „Nein, ich töte niemanden. Es sind die Menschen, die sich gegenseitig auslöschen. Es kommt Unheil über dieses Land und ich hätte es von diesem Ort fernhalten können, hätten die Menschen nicht das Licht in mir zerstört. Aber Dir und Deiner Familie, mein Freund, werde ich beistehen. Euch soll kein Leid geschehen.“

Ein Brausen hob an, so laut, das die Bewohner des Dorfes erwachten und erneut brach Panik unter ihnen aus, als sie die dunkle Kreatur erblickten, die sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft hob und davonflog.

Im folgenden Winter 1138/39 zerstörte der Graf von Holstein die Dörfer der Wagrier, tötete das Vieh und vernichtete die Vorräte. Als im Sommer 1139 die Saat aufgegangen war, wurden die Felder der Wagrier erneut verwüstet. Die Menschen flohen oder sie starben an Hunger.

Andrys Familie überlebte und Andry bestritt viele weitere Abenteuer. Aber das ist eine andere Geschichte.

 


¹Wagrien lag auf dem Gebiet der heutigen Kreise Ostholstein und Plön.

²Oldenburg in Holstein

³Alt Lübeck

Quelle: Wikipedia unter dem Stichwort „Wagrier“

„Siehst Du, Momo“, sagte Beppo, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich.  Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals  schaffen, denkt man.“
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort:  „Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer
mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht  weniger wird, was noch vor einem liegt.  Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst,  und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr.  Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht  machen.“

Er dachte einige Zeit nach.  Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf  einmal denken, verstehst du?  Man muß immer nur an den nächsten Schritt denken, an den  nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.  Und immer wieder nur an den nächsten.“

Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte:  „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine  Sache gut. Und so soll es sein.“
Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort:  „Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße
gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht  außer Puste.“
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“

Zitat aus „Momo“ von Michael Ende

 

Kurzgeschichten schreiben

Was das Schreiben von Geschichten betrifft, bin ich ein blutiger Anfänger, aber schon jetzt kann ich mich der Magie des Schreibens nicht mehr entziehen. Es fällt mir noch schwer, eine Story innerhalb weniger Zeilen auf die Beine zu stellen, aber ab einem gewissen Punkt entwickelt auch eine kurze Geschichte mit den darin enthaltenen Personen ein erstaunliches Eigenleben. Wie wird das erst werden, wenn ich einen ganzen Roman schreibe?  Und ich bin Gott – jedenfalls in meinen Geschichten. Meine armen Protagonisten und ihre Leidensgenossen sind mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ich bestimmte letztlich, wie die Geschichte ausgeht, wer am Leben bleibt, wer sterben muss und wem das Happy End vergönnt ist.

Ich muss zugeben, dass dieses Gefühl der Macht unglaublichen großen Spaß bringt. Vermutlich gewinne ich gerade einen winzig kleinen Eindruck davon, wie Herrscher, Diktatoren und Chefs sich fühlen, die diese Macht über reale Menschen ausüben. Ich kann es nicht verleugnen, es ist ein Gefühl, nach dem man süchtig werden kann.

Ich denke, letztlich wird das Überleben der Menschheit davon abhängen, wie tolerant wir uns unseren Mitmenschen gegenüber verhalten, gepaart mit der Einsicht, dass die Verschiedenheit und Vielfalt der Gedanken, Kulturen und Religionen ein hohes Gut sind und gerade diese Kontraste uns voranbringen und helfen, uns selbst zu erkennen.

Facebook-Challenge

Neben der Ice Bucket Challenge, gibt es eine nette Alternative: Die Gratitude-Challenge. Es geht darum, 7 Tage lang auf Facebook jeweils drei Dinge aufzuzählen, für die man dankbar ist:

Ich wurde von xy für die 7-Tage-Gratitude-Challenge nominiert. Heute ist mein 1. Tag.

1. Ich bin dankbar, so eine tolle Familie zu haben.
2. Ich bin dankbar, dass mir mein Job Freude macht.
3. Ich bin dankbar für die großartigen Menschen, die meine Freunde sind.

Heute nominiere ich (hier folgen die drei Namen von den Facebook-Freunden) für die 7tägigen Gratitude Challenge. Wenn Du die Challenge akzeptierst, dann zähle täglich drei Dinge auf, für die Du dankbar bist und nominiere jeden Tag drei weitere Freunde, sich uns anzuschließen.

Die meisten meiner Freunde haben ihre Nominierung ignoriert. Es kostet Überwindung, öffentlich dankbar zu sein. Die Menschen akzeptieren eher öffentliche Nörgeleien und Aufregung, aber Dankbarkeit für sein eigenes Wohlergehen – das mag niemand vor seinen Freunden ausdrücken. Schade eigentlich. Es ist anscheinend einfacher, sich selbst zu filmen, sich dabei einen Kübel Eiswasser über den Kopf zu schütten  und dieses ins Internet zu stellen. 

Ich finde diese Challenge ziemlich cool und fühle mich großartig, weil ich sie über die kompletten 7 Tage durchgezogen habe. Und spenden kann ich trotzdem.

Eine schönes Zitat dazu habe ich auch gefunden:

Das größte Gefängnis für viele Menschen ist die Angst davor, was andere Menschen von ihnen denken können.

~ pierrefranckh.de

 

Die Andere

Sommer 1986.

Hilde blickte sich zu Egon um, der hinter den Absperrungen zurückgeblieben war, aber sie konnte ihn nirgends mehr entdecken. Hätte er nicht wenigstens noch stehenbleiben und ihr winken können? Eine Träne stahl sich in Hildes Augenwinkel, während sie sich in die Schlange an der Abfertigung einreihte.
Er hatte eine Andere. Ja, eine Andere! Warum sonst hätte er sie einfach so weggeschickt?
 Hilde passierte die Ausweis- und Taschenkontrollen.
Sie solle sich in Italien erholen, hatte Egon gesagt, er wäre ja so gerne mitgekommen, aber seine Flugangst ließe dies nicht zu. Sie hatte erwidert, dass es doch wesentlich einfacher sei, in den Harz zu fahren. Egon aber ließ sich nicht umstimmen. Er meinte, jetzt wo sie den Krebs besiegt hätte, verdiene sie einen ganz besonderen Urlaub.

Eine Lautsprecherdurchsage holte Hilde zurück in die Gegenwart. Die Passagiere des Fluges LH376 mögen sich bitte zum „Check in“ am Gate 18 einfinden. Zögernd machte sie sich auf den Weg.

Sie hatte einige Male beobachtet, wie Egon hastig den Telefonhörer auflegte, wenn sie das Zimmer betrat. Dabei hatte er immer so schuldbewusst ausgesehen. Ja, schuldbewusst! Und dann war da noch das Telegramm, das sie in seiner Jackentasche gefunden hatte. „Ich hab‘ Dich lieb und kann es kaum erwarten, Dich wiederzusehen“, stand da. Als sie ihn hatte zur Rede stellen wollen, war er verärgert gewesen, hatte gefragt, was ihr überhaupt einfiele, seine Nachrichten zu lesen.

Hilde schluchzte lauf auf. Erschrocken sah sie sich um, aber niemand achtete auf sie. Die anderen Passagiere drängten sich um das Gate 18.

Was um Himmels Willen sollte sie jetzt tun? Sie konnte unmöglich in das Flugzeug steigen und 40 Jahre Ehe so einfach hinter sich lassen! Nein, sie musste herausfinden, wer diese andere Frau war. Sie würde um ihren Egon kämpfen, so wie sie gegen den Krebs gekämpft hatte und nicht zulassen, dass ihre Ehe kaputt ging.

Abrupt wandte Hilde sich vom Gate ab, lief den markierten Weg entlang zum Ausgang, stieß fast mit einem Sicherheitsbeamten zusammen und blieb erst draußen vor dem Flughafengebäude stehen, um durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen. Es war später Nachmittag, ihr Gepäck befand sich bereits im Flugzeug und Egon auf dem Weg nach Hause. Wie sollte es jetzt weiter gehen? Mit der Bahn brauchte sie etwa vier Stunden bis nach Hause. Bis dahin würde ihr etwas eingefallen sein.

Erst um elf Uhr abends erreichte Hilde den Hauptbahnhof in Lübeck und verpasste somit den letzten Bus nach Ratekau, ihrem Heimatdorf. Glücklicherweise hatte sie noch 100 DM in ihrer Handtasche, genug, um im Hotel neben dem Bahnhof zu übernachten. Am nächsten Morgen stand sie an einem Münzfernsprecher, der in der Hotel-Lobby angebracht war und wählte mit zitternden Händen die heimische Telefonnummer.
 Egon meldete sich: „Hilde, wie schön, dass Du anrufst! Wie war der Flug? Bist Du gut angekommen?“
Im Hintergrund hörte Hilde das Klirren von Geschirr. Sie erwiderte: „Die Reise war anstrengend, aber es geht mir gut. Egon, hast Du Besuch?“
„Nein, ich bin allein zuhause. Hast Du schon das Meer gesehen? Wie ist das Wetter!“
Hilde hörte ein Scheppern und dann einen leisen, spitzen Schrei, eindeutig weiblich!
„Egon, was ist da los? Da ist doch jemand bei Dir?“
„Wer er soll denn hier sein? Das ist der Fernseher, der so einen Krach macht. Wie ist das Essen im Hotel?“
Sie tauschten noch ein paar Sätze aus, bevor Hilde auflegte. Sie blickte zur Uhr, verzog das Gesicht und schnaubte. Der Fernseher! So ein Unsinn, es konnte nicht der Fernseher gewesen sein, der diesen Krach gemacht hatte. Das Fernsehprogramm begann erst um neun Uhr und jetzt war es halb neun.

Leise schloss Hilde die Haustür auf, blieb im Flur stehen und horchte. Stimmen drangen aus dem Esszimmer. Sie schlich zur Zimmertür und öffnete sie einen Spalt. Da! Wie recht sie gehabt hatte! Mit dem Rücken zur Tür standen Egon und eine jungen Frau nebeneinander und blickten zum Fenster hinaus. Sie hatte ihren Arm um ihn gelegt und beide lachten. Das war ja fast wie in flagranti!
Hilde trat ins Zimmer und rief mit lauter Stimme: „Egon! Was hat das zu bedeuten?“
Abrupt drehten sich die beiden Ertappten um. Hilde blickte Egon fest in die Augen. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe.
„Mama, was machst Du denn hier?“
Diese Stimme kannte sie. Fassungslos blickte sie die junge Frau an – ihre Tochter, die in den USA lebte und die sie seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Marianne? Du hier? Was hat das alles zu bedeuten?“
„Ach Mensch, Mami! Jetzt ist die ganze Überraschung hin. Papa hat mich gefragt, ob ich helfen könnte, die Wohnung zu renovieren und du bekommst eine neue Einbauküche zum 40jährigen Hochzeitstag. Wir wollten Dich damit überraschen und alles fertig haben, wenn Du aus dem Urlaub wiederkommst.
„Oh.“ Hilde musste sich setzen. Vor Scham, aber auch aus Erleichterung begann sie zu weinen.

Ein verhängnisvolles Picknick

Simon trat gemächlicher in die Pedalen und ließ sich hinter das Mädchen zurückfallen. So konnte er dessen reizenden Körper in dem flatternden, luftigen Sommerkleid besser betrachten. Erst vor zwei Wochen hatte er es auf Facebook kennengelernt. Dort stellte es sich ihm als Simone, 17 Jahre alt, vor. Amüsiert hatten sie sich über die Namensgleichheit und herumgealbert. Erstaunlich, wie einfach er das hübsche Ding zu einer Fahrradtour hatte überreden können. Nun brauchte er diese leichte Beute nur noch zu packen und …

Simons Herzschlag beschleunigte sich und er tastete nach dem Jagdmesser, das zusammengeklappt in seiner Jackentasche steckte. Normalerweise benötigte er es nicht, denn Frauenhälse sind zerbrechlich. Wenn sich aber so ein Fang als zu robust oder zu widerspenstig herausstellte, war das Messer ein nützliches Werkzeug.

Das Mädchen drehte sich zu ihm um und deutete auf eine Wiese, an der sie vorbeiradelten. „Schau mal, Simon, das ist doch ein schöner Platz für unser Picknick, oder?“

Simon nickte und sie stiegen ab. Er breitete die Decke aus, setzte sich und betrachtete das fröhlich plappernde Ding. Es sei in der Nähe aufgewachsen und kenne die Gegend gut, erzählte es. Simon beobachtete jede Bewegung seines Opfers, das sich zu ihm hinunterbeugte, um sein Glas mit Apfelschorle zu füllen. Er warf einen Blick in das weit ausgeschnittene Dekolleté, dem ein sinnlich-weicher Duft entströmte, den er mit einem tiefen Atemzug einsog. Ihm wurde schwindelig und das fordernde Kribbeln, das sich in seinem Körper ausbreitete, wurde stärker.

„Simon, guck‘ mal, sieht das nicht nach Regen aus? Wir sollten…“

Unvermittelt packte er sein Opfer und drückte es zu Boden. Es erstarrte unter seinen Händen und wehrte sich nicht. Umso besser. Er schob das Kleid hoch und …

Mit einem Schlag traf ihn ein scharfer Schmerz an der Schläfe und Sterne tanzten vor seinen Augen. Das Mädchen riss sich los und lief in den angrenzenden Wald.

Benommen setzte Simon sich auf. Neben ihm lag ein faustgroßer Stein. Wo zum Henker hatte diese Hexe den denn her? Er durfte das widerspenstige Ding nicht entkommen lassen, sondern musste es finden, bevor es die Polizei informieren konnte. Der Geruch des Parfüms lag noch in der Luft. Wie ein Raubtier nahm er die Witterung auf und sprintete zum Waldrand. Der Gedanke erregte ihn: er würde seine Beute durch die Dämmerung des Waldes hetzen und erlegen.

Kein Vogel zwitscherte in der dunklen Stille, nur knackendes Geäst und in der Ferne ein Donnergrollen. Plötzlich gab der Boden unter Simons Füßen nach, er stürzte in die Tiefe und schlug hart auf dem Grund einer Grube auf. Er kam schnell wieder auf die Beine und sprang hoch, aber seine Hände glitten vom Rand der Grube ab. Nur Erde, Kellerasseln und Spinnentiere rieselten in sein Gesicht.

Kurz darauf hörte er Stimmen. Das Mädchen und eine hagere, ältere Frau beugten sich über den Rand der Grube.

„Gott sei Dank!“, rief Simon. „Simone, es tut mir so leid, was ich getan hab‘. Bitte verzeih‘ mir.“

„Hör‘, wie er um Vergebung winselt“, spottete die Alte. „Da hast Du mir ja ein Prachtexemplar hergelockt.“

Prachtexemplar? Was hatte das zu bedeuten? „Simone, wer ist diese Frau?“

Die Frauen lachten, die eine glockenhell, die andere krächzend und es schien, als würden sie um ihn herumtanzen. „Was wollt ihr? Was habt ihr vor?“

„Was ich mit Dir vorhabe?“, höhnte die Alte, „Ich werde Dich räuchern und pökeln. Dein Schrumpfkopf wird einen Ehrenplatz in meiner Sammlung einnehmen.“

„Das ist nicht witzig.“ Simons Stimme klang heiser. „Es tut mir wirklich leid.“

Die hagere, kleine Frau beugte sich weit über den Rand der Grube. Ihr verfilztes Haar hin in langen Strähnen hinab.

„Kein Witz, ich lieben meine Schrumpfköpfe“, zischte sie.

Simon hasste diese Situation, er war Jäger und kein Opfer. Wie eine Sprungfeder schnellte er hoch, griff nach den Haaren der Frau und bekam eine Strähne zu fassen. Mit einem spitzen Schrei plumpste sie zu ihm hinab. Sofort begann sie, wütend auf ihn einzuschlagen. Simon bekam sie an der Kehle zu fassen und drückte zu. Die Hexe wandte sich wie eine Katze, aber ihre Bewegungen wurden langsamer. Triumphierend blickte er nach oben zum Rand der Grube. Das Mädchen stand noch dort und starrte entsetzt zu ihm hinab.

„Siehst Du?“, rief er triumphierend zu ihm hoch. „Siehst Du, wer hier gleich zum Schrumpfkopf wird?“

Plötzlich zerriss ein ungeheurer Schmerz seinen Körper. Er stieß die alte Frau von sich und sah hinunter. Sein eigenes Jagdmesser steckte in seinem Unterleib. Blut pulsierte aus der Wunde. Er ging in die Knie. Seine Sinne schwanden. Verdammte Hexen! Das war nicht fair!