Die Andere

Sommer 1986.

Hilde blickte sich zu Egon um, der hinter den Absperrungen zurückgeblieben war, aber sie konnte ihn nirgends mehr entdecken. Hätte er nicht wenigstens noch stehenbleiben und ihr winken können? Eine Träne stahl sich in Hildes Augenwinkel, während sie sich in die Schlange an der Abfertigung einreihte.
Er hatte eine Andere. Ja, eine Andere! Warum sonst hätte er sie einfach so weggeschickt?
 Hilde passierte die Ausweis- und Taschenkontrollen.
Sie solle sich in Italien erholen, hatte Egon gesagt, er wäre ja so gerne mitgekommen, aber seine Flugangst ließe dies nicht zu. Sie hatte erwidert, dass es doch wesentlich einfacher sei, in den Harz zu fahren. Egon aber ließ sich nicht umstimmen. Er meinte, jetzt wo sie den Krebs besiegt hätte, verdiene sie einen ganz besonderen Urlaub.

Eine Lautsprecherdurchsage holte Hilde zurück in die Gegenwart. Die Passagiere des Fluges LH376 mögen sich bitte zum „Check in“ am Gate 18 einfinden. Zögernd machte sie sich auf den Weg.

Sie hatte einige Male beobachtet, wie Egon hastig den Telefonhörer auflegte, wenn sie das Zimmer betrat. Dabei hatte er immer so schuldbewusst ausgesehen. Ja, schuldbewusst! Und dann war da noch das Telegramm, das sie in seiner Jackentasche gefunden hatte. „Ich hab‘ Dich lieb und kann es kaum erwarten, Dich wiederzusehen“, stand da. Als sie ihn hatte zur Rede stellen wollen, war er verärgert gewesen, hatte gefragt, was ihr überhaupt einfiele, seine Nachrichten zu lesen.

Hilde schluchzte lauf auf. Erschrocken sah sie sich um, aber niemand achtete auf sie. Die anderen Passagiere drängten sich um das Gate 18.

Was um Himmels Willen sollte sie jetzt tun? Sie konnte unmöglich in das Flugzeug steigen und 40 Jahre Ehe so einfach hinter sich lassen! Nein, sie musste herausfinden, wer diese andere Frau war. Sie würde um ihren Egon kämpfen, so wie sie gegen den Krebs gekämpft hatte und nicht zulassen, dass ihre Ehe kaputt ging.

Abrupt wandte Hilde sich vom Gate ab, lief den markierten Weg entlang zum Ausgang, stieß fast mit einem Sicherheitsbeamten zusammen und blieb erst draußen vor dem Flughafengebäude stehen, um durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen. Es war später Nachmittag, ihr Gepäck befand sich bereits im Flugzeug und Egon auf dem Weg nach Hause. Wie sollte es jetzt weiter gehen? Mit der Bahn brauchte sie etwa vier Stunden bis nach Hause. Bis dahin würde ihr etwas eingefallen sein.

Erst um elf Uhr abends erreichte Hilde den Hauptbahnhof in Lübeck und verpasste somit den letzten Bus nach Ratekau, ihrem Heimatdorf. Glücklicherweise hatte sie noch 100 DM in ihrer Handtasche, genug, um im Hotel neben dem Bahnhof zu übernachten. Am nächsten Morgen stand sie an einem Münzfernsprecher, der in der Hotel-Lobby angebracht war und wählte mit zitternden Händen die heimische Telefonnummer.
 Egon meldete sich: „Hilde, wie schön, dass Du anrufst! Wie war der Flug? Bist Du gut angekommen?“
Im Hintergrund hörte Hilde das Klirren von Geschirr. Sie erwiderte: „Die Reise war anstrengend, aber es geht mir gut. Egon, hast Du Besuch?“
„Nein, ich bin allein zuhause. Hast Du schon das Meer gesehen? Wie ist das Wetter!“
Hilde hörte ein Scheppern und dann einen leisen, spitzen Schrei, eindeutig weiblich!
„Egon, was ist da los? Da ist doch jemand bei Dir?“
„Wer er soll denn hier sein? Das ist der Fernseher, der so einen Krach macht. Wie ist das Essen im Hotel?“
Sie tauschten noch ein paar Sätze aus, bevor Hilde auflegte. Sie blickte zur Uhr, verzog das Gesicht und schnaubte. Der Fernseher! So ein Unsinn, es konnte nicht der Fernseher gewesen sein, der diesen Krach gemacht hatte. Das Fernsehprogramm begann erst um neun Uhr und jetzt war es halb neun.

Leise schloss Hilde die Haustür auf, blieb im Flur stehen und horchte. Stimmen drangen aus dem Esszimmer. Sie schlich zur Zimmertür und öffnete sie einen Spalt. Da! Wie recht sie gehabt hatte! Mit dem Rücken zur Tür standen Egon und eine jungen Frau nebeneinander und blickten zum Fenster hinaus. Sie hatte ihren Arm um ihn gelegt und beide lachten. Das war ja fast wie in flagranti!
Hilde trat ins Zimmer und rief mit lauter Stimme: „Egon! Was hat das zu bedeuten?“
Abrupt drehten sich die beiden Ertappten um. Hilde blickte Egon fest in die Augen. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe.
„Mama, was machst Du denn hier?“
Diese Stimme kannte sie. Fassungslos blickte sie die junge Frau an – ihre Tochter, die in den USA lebte und die sie seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Marianne? Du hier? Was hat das alles zu bedeuten?“
„Ach Mensch, Mami! Jetzt ist die ganze Überraschung hin. Papa hat mich gefragt, ob ich helfen könnte, die Wohnung zu renovieren und du bekommst eine neue Einbauküche zum 40jährigen Hochzeitstag. Wir wollten Dich damit überraschen und alles fertig haben, wenn Du aus dem Urlaub wiederkommst.
„Oh.“ Hilde musste sich setzen. Vor Scham, aber auch aus Erleichterung begann sie zu weinen.

Ein verhängnisvolles Picknick

Simon trat gemächlicher in die Pedalen und ließ sich hinter das Mädchen zurückfallen. So konnte er dessen reizenden Körper in dem flatternden, luftigen Sommerkleid besser betrachten. Erst vor zwei Wochen hatte er es auf Facebook kennengelernt. Dort stellte es sich ihm als Simone, 17 Jahre alt, vor. Amüsiert hatten sie sich über die Namensgleichheit und herumgealbert. Erstaunlich, wie einfach er das hübsche Ding zu einer Fahrradtour hatte überreden können. Nun brauchte er diese leichte Beute nur noch zu packen und …

Simons Herzschlag beschleunigte sich und er tastete nach dem Jagdmesser, das zusammengeklappt in seiner Jackentasche steckte. Normalerweise benötigte er es nicht, denn Frauenhälse sind zerbrechlich. Wenn sich aber so ein Fang als zu robust oder zu widerspenstig herausstellte, war das Messer ein nützliches Werkzeug.

Das Mädchen drehte sich zu ihm um und deutete auf eine Wiese, an der sie vorbeiradelten. „Schau mal, Simon, das ist doch ein schöner Platz für unser Picknick, oder?“

Simon nickte und sie stiegen ab. Er breitete die Decke aus, setzte sich und betrachtete das fröhlich plappernde Ding. Es sei in der Nähe aufgewachsen und kenne die Gegend gut, erzählte es. Simon beobachtete jede Bewegung seines Opfers, das sich zu ihm hinunterbeugte, um sein Glas mit Apfelschorle zu füllen. Er warf einen Blick in das weit ausgeschnittene Dekolleté, dem ein sinnlich-weicher Duft entströmte, den er mit einem tiefen Atemzug einsog. Ihm wurde schwindelig und das fordernde Kribbeln, das sich in seinem Körper ausbreitete, wurde stärker.

„Simon, guck‘ mal, sieht das nicht nach Regen aus? Wir sollten…“

Unvermittelt packte er sein Opfer und drückte es zu Boden. Es erstarrte unter seinen Händen und wehrte sich nicht. Umso besser. Er schob das Kleid hoch und …

Mit einem Schlag traf ihn ein scharfer Schmerz an der Schläfe und Sterne tanzten vor seinen Augen. Das Mädchen riss sich los und lief in den angrenzenden Wald.

Benommen setzte Simon sich auf. Neben ihm lag ein faustgroßer Stein. Wo zum Henker hatte diese Hexe den denn her? Er durfte das widerspenstige Ding nicht entkommen lassen, sondern musste es finden, bevor es die Polizei informieren konnte. Der Geruch des Parfüms lag noch in der Luft. Wie ein Raubtier nahm er die Witterung auf und sprintete zum Waldrand. Der Gedanke erregte ihn: er würde seine Beute durch die Dämmerung des Waldes hetzen und erlegen.

Kein Vogel zwitscherte in der dunklen Stille, nur knackendes Geäst und in der Ferne ein Donnergrollen. Plötzlich gab der Boden unter Simons Füßen nach, er stürzte in die Tiefe und schlug hart auf dem Grund einer Grube auf. Er kam schnell wieder auf die Beine und sprang hoch, aber seine Hände glitten vom Rand der Grube ab. Nur Erde, Kellerasseln und Spinnentiere rieselten in sein Gesicht.

Kurz darauf hörte er Stimmen. Das Mädchen und eine hagere, ältere Frau beugten sich über den Rand der Grube.

„Gott sei Dank!“, rief Simon. „Simone, es tut mir so leid, was ich getan hab‘. Bitte verzeih‘ mir.“

„Hör‘, wie er um Vergebung winselt“, spottete die Alte. „Da hast Du mir ja ein Prachtexemplar hergelockt.“

Prachtexemplar? Was hatte das zu bedeuten? „Simone, wer ist diese Frau?“

Die Frauen lachten, die eine glockenhell, die andere krächzend und es schien, als würden sie um ihn herumtanzen. „Was wollt ihr? Was habt ihr vor?“

„Was ich mit Dir vorhabe?“, höhnte die Alte, „Ich werde Dich räuchern und pökeln. Dein Schrumpfkopf wird einen Ehrenplatz in meiner Sammlung einnehmen.“

„Das ist nicht witzig.“ Simons Stimme klang heiser. „Es tut mir wirklich leid.“

Die hagere, kleine Frau beugte sich weit über den Rand der Grube. Ihr verfilztes Haar hin in langen Strähnen hinab.

„Kein Witz, ich lieben meine Schrumpfköpfe“, zischte sie.

Simon hasste diese Situation, er war Jäger und kein Opfer. Wie eine Sprungfeder schnellte er hoch, griff nach den Haaren der Frau und bekam eine Strähne zu fassen. Mit einem spitzen Schrei plumpste sie zu ihm hinab. Sofort begann sie, wütend auf ihn einzuschlagen. Simon bekam sie an der Kehle zu fassen und drückte zu. Die Hexe wandte sich wie eine Katze, aber ihre Bewegungen wurden langsamer. Triumphierend blickte er nach oben zum Rand der Grube. Das Mädchen stand noch dort und starrte entsetzt zu ihm hinab.

„Siehst Du?“, rief er triumphierend zu ihm hoch. „Siehst Du, wer hier gleich zum Schrumpfkopf wird?“

Plötzlich zerriss ein ungeheurer Schmerz seinen Körper. Er stieß die alte Frau von sich und sah hinunter. Sein eigenes Jagdmesser steckte in seinem Unterleib. Blut pulsierte aus der Wunde. Er ging in die Knie. Seine Sinne schwanden. Verdammte Hexen! Das war nicht fair!

Das Gedankenexperiment, Teil 2

Letzte Woche hatte ich mich zu einem Gedankenexperiment entschlossen. Ich wollte über eine ganze Woche, also bis heute, keine negativen Gedanken und Gefühle zulassen.

Die meiste Zeit hat es ganz gut geklappt, aber an der einen oder anderen Stelle bin ich doch eingebrochen. Wenn sich äußere Einflüsse, die einem nicht gefallen, mit eigenen Unpässlichkeiten wie Müdigkeit oder Schmerz zusammentun,  dann ist es eine echte Herausforderung, positiv zu bleiben. Am Mittwochabend kam der Tiefpunkt mit einer kleinen depressiven Phase. Geholfen hat ein längerer Spaziergang. Danach war die gute Laune wieder zurück.

Auf jeden Fall werde ich weiterhin meine Gedanken und Gefühle bewusst im Auge behalten, um diese nicht unkontrolliert ausufern zu lassen. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass es problematisch ist, negative Emotionen über einen längeren Zeitraum zu unterdrücken. Manchmal wollen sie einfach raus und das ist auch gut so. Sie zeigen, dass irgend etwas nicht stimmt und möglicherweise eine Änderung notwendig wird. Allerdings sollte man Entscheidungen über tiefgreifende Änderung nicht gerade dann fällen, wenn man sich in einem emotionalen Sturm befindet. Mir hilft Bewegung, Gehen oder Laufen, zum Lösen von inneren Knoten und um den Kopf frei zu bekommen.

Der rote Teppich

Gestern Abend hatte ich einen interessanten Gedanken bzw. ein interessantes Bild vor Augen:

Roter Teppich

Rainer Sturm / pixelio.de

Das Universum hat mir einen roten Teppich ausgelegt, auf dem ich auf meinem Lebensweg voranschreite und die Bilder links und rechts des Weges betrachte. Ich bleibe stehen, studiere das eine oder andere Bildnis genauer, hinterfrage, wie ich in Bezug darauf fühle und reagiere.

Ich habe meinen eigenen Pinsel dabei. Damit kann ich selbst Hand an die Motive legen, hier und dort etwas verändern und wenn ich zufrieden bin, gehe ich weiter.

Hin und wieder verzweigt sich der Weg. Dann entscheide ich, wo ich lang möchte und zwar ohne Furcht vor Gefahren oder Konsequenzen, denn Bilder sind Bilder. Ich entscheide, ob ich mich durch sie verletzt fühle oder nicht.