Hölle

Es gab sie doch, die Gerechtigkeit, oder? Klara verzog die Lippen zu einem bitteren Lächeln und ihr Magen krampfte sich zusammen, als ihr vollends bewusst wurde, dass sie nun eine Mörderin war.

Vor drei Tagen noch hatte Harald sie beschimpft, sie angeschrien, wie jeden Morgen, wenn sein Frühstücksei zu weich oder zu hart gewesen war. Er hatte ihr befohlen, sich vor ihm hinzuknien und sie dann geschlagen. Er sagte, sie müsse wieder in den Keller für die nächsten acht Stunden, zur Strafe für ihren Ungehorsam. Es war die Hölle – und das war es bereits seit Monaten. Aber diesmal war Harald unvorsichtig gewesen, denn er ging voran durch die Küche zur offenen Kellertür. Als er sich im Gehen zu ihr umwandte und ihr befahl, ihm zu folgen, lief ihm die Katze vor die Füße. Er kam ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht und verschwand mit dem Kopf voran und einem Schrei auf den Lippen durch die Tür. Klara hörte das Poltern, als er die steile Holzstiege hinunterstürzte, das Knacken der Knochen und den Aufprall des massigen Körpers auf dem Steinboden.

Zögernd ging Klara zur Kellertür und lugte ins Dunkel hinunter. Harald war immer gut für eine Überraschung, deshalb musste sie auf der Hut sein. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er sie an der Nase herumgeführt hätte. Sie tastete vorsichtig nach dem Lichtschalter über der Treppe.
„Klara, steh‘ da nicht rum wie ‘ne blöde Kuh! Mach‘ endlich das Licht an und komm‘ runter!“, raunzte Harald sie an.
Klara gehorchte und schaltete das Licht ein. Harald lag ihr seitlich zugewandt auf dem Steinboden am Fuß der Stiege, die fast so steil war wie eine Leiter. Aus seinem Mundwinkel lief Blut, das linke Bein und der rechte Arm waren merkwürdig abgewinkelt.
„Verdammt, hilf mir. Ich kann nicht aufstehen, ich spüre meine Beine nicht mehr.“

Klara stieg vorsichtig zwei schmalen Stufen hinab und stützte sich dabei an der Wand ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie wies auf seinen gebrochenen Unterschenkel und sagte: „Du spürst das nicht? Das sollte aber ziemlich weh tun, so wie es aussieht.“
Harald streckte ihr den linken Arm hilfesuchend entgegen, dann zuckte er zusammen und drückte den Arm an die Brust. Sein rot verschmiertes Gesicht und sein geöffneter Mund erinnerten sie an eine Halloween-Maske. Ihm fehlten die beiden oberen Schneidezähne. Daher also das ganze Blut. Dies musste ein Traum sein, Wirklichkeit war anders. Harald sah so albern hilflos aus. Klara setzte sich auf den oberen Treppenabsatz und begann zu kichern.
Harald sah sie fassungslos an. „Geht’s noch Klara? Hast Du Deinen Verstand verloren?“
Ihr Kichern verstummte. Sie rang nach Worten. So lange Zeit schon hatte sie nur einzelne Worte gesprochen und selten ganze Sätze. Helmut hatte es ihr verboten. Dann brach es heiser aus ihr heraus: „Weißt Du was, Harald? Mein Verstand arbeitet ganz hervorragend. Ich werde Dir nicht helfen. Sollst Du doch verrecken in diesem dreckigen Kellerloch, in dieser Folterkammer, die du für mich eingerichtet hast. Jetzt wirst Du am eigenen Leib erfahren, wie es ist, die Stunden hier unten zu verbringen. Aber ich werde gnädig mit Dir sein, Harald. Im Gegensatz zu mir wirst Du nicht monatelang leiden müssen, nur zwei oder drei Tage. Dann wirst Du einfach verdurstet sein. Vielleicht wirst Du vorher sogar ohnmächtig, dann ist es nicht einmal schlimm.“
„Klara, wie meinst Du das? Was hast Du vor?“ stammelte Harald.
„Ich bin jetzt frei, mein Lieber. Ich werde ein bisschen Urlaub an der Ostsee machen. Ich fahre in dieses süße Hotel, das ich schon seit langer Zeit besuchen wollte.“ Klara legte den Kopf in den Nacken und lächelte versonnen an die Kellerdecke. „Ich werde den Himmel sehen und das Meer. Und anstatt an dich zu denken, werde ich es genießen, diesem Wahnsinn entkommen zu sein.“
Sie stand auf und stieg die beiden Stufen zur Küche hinauf.
„In 14 Tagen komme ich zurück zu Dir, Harald. Ich werde die Kellertür öffnen, erschrocken herunterblicken, den Notarzt und die Polizei rufen und herzzerreißend weinen, weil Du in meinem Urlaub gestürzt und so elendig umgekommen bist.“
Harald begann zu schreien. „Verdammt, Du verdammte Hure, wer hat Dir ins Gehirn geschissen? Komm zurück!“
Klara ignorierte ihn. Sie knipste das Kellerlicht aus und verriegelte die schallgedämpfte Tür.

Klara saß auf der Terrasse des kleinen Strandhotels, mit einen großen Erdbeer-Eisbecher vor ihr auf dem Bistro-Tisch. Sie liebte diesen Platz. Vor vier Jahren hatte sie hier mit Harald gesessen, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Schon damals war er sehr dominant, aber sie hatte es gemocht, denn trotz aller Dominanz war er rücksichtsvoll zu ihr gewesen. Dann änderte sich schlagartig, nachdem er wegen einer dummen Sache für 18 Monate ins Gefängnis musste. Als er entlassen wurde, war er nicht mehr derselbe Mensch. Was vorher BDSM-Spielchen waren, wurde nun zu bitterem Ernst. Klara durfte das Haus nicht mehr allein verlassen und wenn Harald fortging, dann sperrte er sie ein. Manchmal waren die Qualen, die er ihr zufügte so groß gewesen, dass sie nahe dran war, den Verstand zu verlieren. Sie hatte sich das Leben nehmen wollen, aber selbst das hatte er vereitelt.

Klara schüttelte sich, sie wollte nicht mehr daran denken und konzentrierte sich auf ihren Eisbecher. Nicht zurückdenken, am besten gar nichts denken. Nur dasitzen, ohne Schmerzen, ohne Angst. Einfach nur genießen. Die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut. Einfach nur sein. Dem Rauschen des Meeres und den Rufen der Möwen lauschen, den Leuten am Strand beim Spazierengehen zusehen. Das Eis auf der Zunge zergehen lassen. Nichts tun – nur sein. Frei sein.

„Frau Schneider?“ Eine Hand legte sich auf Klaras Schulter. Sie erstarrte.
Ein Mann in Polizeiuniform trat in ihr Blickfeld. „Frau Schneider, Sie sind vorläufig festgenommen.“
„Wieso? Warum?“, stammelte Klara.
„Ihr Mann behauptet, Sie hätten ihn die Kellertreppe hinuntergestoßen. Dann haben Sie das Haus verlassen und ihn sich selbst überlassen.“
„Ich habe ihn nicht gestoßen! Er ist gestolpert!“, rutschte es aus ihr heraus. Klara biss sich auf die Zunge.
„Das können Sie uns alles auf dem Revier erzählen.“
Die Handschellen klickten und vor Klaras Augen zerfiel die Welt. Die Frage kam ihr nur stockend über die Lippen, aber sie musste es wissen: „Wieso haben Sie mich gefunden?“
„Ihr Mann hatte ein Handy bei sich und konnte damit den Notruf wählen, Der Empfang war schlecht, aber wir konnten das Handy orten und haben ihn im Keller Ihres Hauses gefunden.“

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