Kurz-Krimi schreiben

Ich habe über meinen Schreiblehrgang die Aufgabe erhalten, einen Kurz-Krimi zu schreiben. Nun bin ich überhaupt kein Krimi Fan und Detektiv-Geschichten finde ich furchtbar langweilig. Seit drei Tagen zermartere ich mir den Kopf über den Inhalt meiner neuen Kurzgeschichte. Vergeblich.

Ich könnte ja einen schönen Grusel-Krimi schreiben oder einen Gespenster-Krimi. Ich könnte auch einen Katzen- oder Hunde-Krimi schreiben. Oder ein Wald- und Wiesen Krimi. Ein Kollegen-Krimi. Ein Lübeck-Krimi. Ein Sport-Krimi. Ein Nonsens-Krimi. Ein Feierabend-Krimi, oder einen Cyber-Crimi… Trotzdem bleiben der Täter, das Opfer und das Motiv im Dunkeln.

Deshalb habe ich die allwissende Müllhalde Google gefragt und darüber bin ich auf eine Kreativ-Technik gestoßen: Den Morphologische Kasten. Diese Kreativ-Technik wurde von Fritz Zwicky erfunden, der für jede Aufgabenstellung ein Ordnungssystem schaffen wollte, mit dem alle sinnvollen Lösungen systematisch gefunden werden können.

Dazu muss man

1. Parameter definieren
2. Ausprägungen für jeden Parameter finden
3. Kombinationen wählen

Ich habe also eine Tabelle mit den Parametern Täter, Opfer, Tatort, Tatwaffe und Motiv eingerichtet. Unter jeder Überschrift habe ich verschiedene Möglichkeiten geschrieben, die mir gerade einfielen. Und dann habe ich über Excel jeweils eine Zufallszahl ermittelt.

Ergebnis: Ein Taxifahrer hat den Gärtner in einer Kirche aus Langeweile vergiftet.

Na toll. Und was soll das für eine Geschichte werden? Eine Kriminalkomödie vielleicht?


Täter Opfer Tatort Tatwaffe Motiv
Ehemann Ehefrau Küche Beil Eifersucht
Ehefrau Ehemann Wohnzimmer Gift Liebe
Kollege Kollege Kino Pistole Habgier
Chef Chef Straße Messer Langeweile
Gärtner Gärtner Disko Hände Wut
Postbote Postbote Garten Auto Mutprobe
Freund Freund Kirche    
Pastor Pastor Taxi    
Kellner Kellner Fluss    
 Wirt Wirt Schlafzimmer    
Taxifahrer Taxifahrer Badezimmer    
Geliebte/r Geliebte/r      
         

Glaube nichts auf bloßes Hörensagen hin; glaube nicht an Überlieferungen, weil sie alt und durch viele Generationen bis auf uns gekommen sind; glaube nichts auf Grund von Gerüchten, oder weil die Leute viel davon reden; glaube nicht, bloß weil man dir das geschriebene Zeugnis irgend eines alten Weisen vorlegt; glaube nie etwas, weil Mutmaßungen dafür sprechen oder weil langjährige Gewohnheit dich verleitet, es für wahr zu halten; glaube nichts auf die bloße Autorität deiner Lehrer und Geistlichen hin.

Was nach eigener Erfahrung und Untersuchung mit deiner Vernunft übereinstimmt und zu deinem eigenen Wohle und Heile wie zu dem aller anderen Wesen dient, das nimm als Wahrheit an und lebe danach.

~ Gautama Buddha (ca. 563-483 v. Chr.)

Feddersen und das Grauen in Pelz

Feddersen ist ein Mann, der immer pünktlich und ordentlich ist. Er lebt – nach außen hin –  ein ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er lebt nach der Uhr. Er steht jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kommt  um die gleiche Zeit in sein Büro, isst um die gleiche Zeit zu Mittag und geht um die gleiche Zeit schlafen. Was niemand ahnt: Feddersen leidet unter einer überstarken Angst. Er fürchtet sich davor, dass etwas Schlimmes geschehen könnte und er glaubt, wenn er sich nur an seine Ordnung und Pünktlichkeit hält, dass dann nichts passiert und alles gut ausgeht. Bis eines Tages alles aus den Fugen gerät…

An einem Donnerstag im November verließ Feddersen sein Büro pünktlich um 17:30 Uhr und stieg in den Bus der Linie 60. Wie gewöhnlich stieg er an der Haltestelle Mozartweg  aus und trat hinaus auf die Straße. Er ließ das Haltestellen-Wartehäuschen, das still und verlassen im dichten Nebel verharrte, links liegen und machte sich auf den achtminütigen Fußweg nach Hause. Feddersen sog hörbar die kalte, feuchte Novemberluft in seine Lungen während er voranschritt. Merkwürdig ruhig war es heute. Die grauen Nebelschwaden verschluckten jegliche Farbe. Dunkel und abweisend säumten die Einfamilienhäuser die Straße, die mit Rollläden geschlossenen Fenster in sich gekehrt, wie schlafende Augen. Feddersen schauderte. Kein Fußgänger kam ihm entgegen, kein Auto fuhr an ihm vorbei. Fand heute vielleicht ein wichtiges Fußball-Länderspiel statt und die Leute saßen alle drinnen vor den Fernsehern? Hohl klingende Satzfetzen wehten heran. Feddersen verlangsamte seine Schritte und lauschte. Die verzerrten Worte einer weit entfernten Lautsprecherdurchsage drangen an sein Ohr:“ … bleiben Sie … Fenster und Türen geschlossen … vermeiden Sie …“ Dann die Sirene eines sich entfernenden Polizeiautos. Feddersen beschleunigte seinen Gang und bog von der Goethe-Straße links in die Nord-Allee ab, als es auf der rechten, gegenüberliegenden Straßenseite laut schepperte. Erschrocken blieb er stehen und starrte gebannt auf eine umgekippte Mülltonne, deren Inhalt sich quer über den Fußgängerweg ergoss. Eine dunkle Gestalt mit zotteligem Fell erhob sich darüber und reckte die wuchtige Schnauze in die Höhe, um Witterung aufzunehmen. Feddersen trat einen Schritt zurück und verbarg sich hinter einem Trafokasten. Vorsichtig öffnete er seine Aktentasche, der Verschluss klickte verräterisch laut. Er tastete in der Tasche umher, während er den Bären nicht aus den Augen ließ. Seine Hand schloss sich um eine Dose Pfefferspray, die er bei sich trug, seit er im Sommer von Jugendlichen überfallen worden war.

Feddersen hörte, wie der Bär schnaubend und schmatzend die Tonnen durchwühlte, aber es war ein anderes Geräusch, das sein Blut vor Entsetzen gefrieren ließ. Schritte näherten sich und er kannte das Klackern dieser Stiefel. Jeden Tag um 18:05 Uhr traf er hier seine taubstumme Nachbarin auf ihrem Weg zur Nachtschicht. Jeden Tag gingen sie aneinander vorbei, während er ihr freundlich zunickte und sie ihm ihr Lächeln schenkte. Er hätte sie so gerne zum Kaffee eingeladen, aber er wusste nicht, wie er sie ansprechen sollte. Nun war sie in höchster Gefahr. Feddersen lugte vorsichtig über den Trafokasten. Auch der Bär hatte die klackernden Schritte gehört. Er wandte sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam und ein tiefes Grollen entwich seiner Kehle.

Feddersen schüttelte sich vor Grauen. Er konnte sie nicht warnen. Selbst wenn er ihr zuriefe, würde sie ihn nicht hören können. Der Bär wird sie zerfleischen!

Das Trippeln kam fröhlich näher, eine zierliche Gestalt erschien unter dem Licht einer Straßenlaterne und blieb dort starr vor Schreck stehen, als sie den Bären erblickte, der nun auf sie zutappte.

Vor Entsetzen senkte Feddersen seinen Kopf und ging in die Knie. Dabei fiel sein Blick auf ein altes Feuerzeug in seiner Aktentasche und die beiden dicken Aktenordner. Zitternd hielt er das brennende Feuerzeug an das Papier in den Ordnern. Er achtete nicht darauf, dass die Flammen seine Hände versengten und auf die Ärmel seines Mantels übergriffen. Die brennende Aktentasche in der einen Hand und die Dose Pfefferspray in der anderen Hand sprang er aus seinem Versteck hervor und rannte schreiend auf den Bären zu, der sich irritiert zu ihm umdrehte. Feddersen warf die brennende Aktentasche in hohem Bogen und verfehlte den Bären nur knapp. Dieser vergaß die Frau und kam nun schnell auf Feddersen zu.

Feddersen warf dem Bären die Pfefferspraydose mit aller Kraft an den Kopf, drehte sich um und rannte. Vor ihm hörte er die Sirene eines Polizei-Autos, hinter ihm ein ohrenbetäubendes Brüllen. Er glaubte, bereits den heißen Atem des Bären im Nacken zu spüren als er stolperte, hinfiel und mit dem Kopf auf die Bordsteinkante schlug. Gnädige Schwärze umfing ihn.

Feddersen kam zu sich. Sein Blick fiel auf seine Nachbarin, die sich über ihn beugte. Sie lächelte ihn an. Verwirrt setzte er sich auf. Erst jetzt nahm er die vielen Menschen, und das Blaulicht wahr. Ein Sanitäter kniete an seiner Seite.

Ein Polizist erklärte Feddersen später, dass Anwohner die Polizei gerufen hatten. Als diese eintrafen, lag Feddersen bereits bewusstlos am Boden, während der ausgerissene Zirkusbär blind und jämmerlich brüllend im Kreis herumlief. Er hatte die Dose Pfefferspray zerbissen und sich damit selbst außer Gefecht gesetzt. Feddersen wurde vorsorglich ins Krankenhaus eingeliefert, begleitet von seiner hübschen Nachbarin. Drei Monate später zogen die beiden in eine gemeinsame Wohnung.

Es läuft alles nach Plan

Ich habe gerade eine Notiz von mir vom 01. Juli 2014 gefunden. An diesem Tag wurde ich vormittags operiert, am Nachmittag kam mir eine kleine Szene in den Sinn, die ich aufschrieb:

Eine junge Frau liegt im Krankenhaus. Ihr Freund ist bei ihr und macht sich große Sorgen, aber sie beruhigt ihn und sagt: „Das gehört alles zu dem geheimen Plan.“
Er fragt: „Welcher geheime Plan?“
Sie antwortet: „Na, der Plan, die Welt zu verändern.“
Diese Antwort ist nur als Joke gedacht, um den Liebsten zu beruhigen, bringt aber unglaubliche Dinge zum Vorschein und verändert die Welt.

Nun sehe ich diese  Notiz und wundere mich, denn seit damals habe ich tatsächlich die Welt verändert – jedenfalls meine eigene.

Mein Alter Ego

Nun ja, so ganz unbefleckt bin ich nicht, was das Schreiben und Veröffentlichen betrifft. Mein Pseudonym hat zwei Bücher veröffentlicht. Diese Erfahrungen möchte ich nicht mehr missen:

Das Profil meines „Alter Ego’s“ auf Amazon

Leseproben auf Google Books:

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Traumhafte Fischkochmaschine

Einige Menschen lassen sich durch ihre Träume inspirieren. Auch ich hoffe noch auf die große Inspiration, die mir eines Tages durch einen Traum einfach so zufliegt. Bisher ist mir nur Unsinn zugeflogen, wie  z. B. die Gebrauchsanleitung für eine Fischkochmaschine. In diese Maschine wirft man oben einfach die Zutaten rein und unten kommt etwas Leckeres dabei heraus. Auch wenn ich diesen Gedanken etwas unappetitlich finde, hier meine mir im Traum erschienene innovative Fischkochmaschine:  

Neben der Kaffeemaschine und der Brotbackmaschine sollte die Fischkochmaschine unbedingt Erwähnung finden. Dieses innovative Gerät vermeidet lästige Gerüche, mit wenig Aufwand und ohne Kochkenntnisse können bereits kleine Kinder gefahrlos leckere und gesunde Fischgerichte in verschiedenen Geschmacksrichtungen zubereiten.

Zutaten:
Ein geputzter ganzer Fisch,
Kochfischfertigmischung.

Zubereitung:
Sie legen den Fisch in das dafür vorgesehene Behältnis und füllen den zweiten Behälter mit Leitungswasser auf. Die Kochfischfertigmischung, die in vielen Geschmacksrichtungen im Handel erhältlich ist, schütten Sie einfach in das Fach an der linken Seite der Maschine. Die Palette der Fertigmischungen reicht von Curry und Chili über Hausfrauenart bis hin zum Surströmming. Sie werden begeistert sein!

Nun wählen Sie über das Tastenfeld an der rechten Seite des Geräts das gewünschte Programm aus. Eine genaue Anleitung zur Programmierung finden Sie in dem beiliegenden Handbuch. Zu guter Letzt schieben Sie Ihren Teller in den unteren Teil der Apparatur ein.

Ein Tonsignal informiert sie, wenn ihr Fischgericht fertig zubereitet und köstlich angerichtet auf ihrem Teller liegt. Guten Appetit.

Hinweis: Wer zusätzlich zum Kochfisch und zur Fischsuppe noch in den Genuss von Brat- oder Backfisch kommen möchte, dem sei ein praktischer Röstaufsatz empfohlen. Dieses Zubehörteil können Sie im Fachhandel erwerben. Für die Zubereitung eines Brat- oder Backfischgerichtes benötigen Sie Frittierfett, das dem Gericht über den Röstaufsatz zugefügt wird.

Der gefallene Stern

Man schrieb das Jahr 1138, als nach Augenzeugenberichten ein Stern auf das Stammesgebiet der Wagrier¹ herabfiel. Als die Bewohner Starigards² und Lubicia³ den geschweiften Stern erblickten, der in einem flammenden Blitz in den Wäldern Wagriens verschwand, gerieten sie in Panik, denn so ein ungewöhnliches Himmelsereignis wurde gemeinhin als böses Omen gedeutet.

Andry lag in einem aus Zweigen und Blättern errichteten Unterschlupf und beobachtete, wie die alte Frau, die in der Einsiedelei am gegenüberliegenden Ufer des schmalen Flusses hauste, Wasser in ihren Krug schöpfte. Er stieß seinem Freund Kruto, der neben ihm lag, unsanft in die Rippen.
„Da, die Hexe!“ Andry zeigte hinunter zum Fluss.
Kruto drehte sich zur Seite und schielte durch den Ausguck. „Mist“, murmelte er. „So schnell komm‘ ich da jetzt nicht rüber in ihre Hütte, selbst wenn Du sie ablenkst.“
„Ach, was soll‘s.“ Andry rollte sich auf den Rücken und betrachtete das Blätterdach. „Ich glaube sowieso nicht, dass dort irgendetwas Interessantes zu finden ist.“
Kruto lachte. „Du bist ein Hasenfuß und hast Angst, dass die Alte Dich verhext.“

Andry seufzte. Er wollte sich nicht schon wieder mit Kruto streiten. Beste Freunde waren sie gewesen, bis sich ihre Väter im letzten Jahr zerstritten hatten. Ein paar wildgewordene Rindviecher, die Krutos Familie gehörten, hatten die Holzwerkstatt zerstört, die auf dem Hof von Andrys Familie stand. Die immer stärker werdende Abneigung ihrer Väter färbte auf die Freundschaft der Söhne ab.

„Wovon sich die Alte wohl ernährt?“, lenkte Andry ein.
„Sie frisst die Ratten, die ihre Katze fängt – oder kleine Kinder, die sich im Wald verirren“, erwiderte Kruto.
Nun war es Andry, der lachte. „Du glaubst doch nicht wirklich diesen Unsinn. Mein Vater meint, man soll nicht alles glauben, was die Leute erzählen.“
„Tatsächlich? Und woher weiß Dein Vater das? Meiner sagt immer, in jeder Geschichte steckt ein Fünkchen Wahrheit. Die Alte frisst kleine Kinder!“
„Unsinn.“
„Dann nehmen wir morgen Deine kleine Schwester mit und setzen sie da drüben aus. Dann werden wir ja sehen, ob’s Unsinn ist“, meinte Kruto verächtlich.
„Halt‘ meine Schwester da raus!“, rief Andry und ballte seine Fäuste. Sie wollten gerade aufeinander losgehen, als es schlagartig dunkel wurde. Erschrocken blickten sie nach draußen. Wie aus dem Nichts entfesselte sich ein Inferno: Sturmböen rissen an den Bäumen, Äste fielen herab, ein ungeheuerliches Brausen erhob sich. Dann wurde das Blätterdach ihres Unterschlupfs vom Sturm davongetragen. Schutzlos den Naturgewalten ausgeliefert, rollten sich die beiden jungen Männer in einer Mulde zusammen und verschränkten die Arme über ihre Köpfe. Eine leuchtende Kugel am Himmel, dann ein Blitz, gefolgt von einem gewaltiger Donnerschlag.

Der Sturm dauerte nur wenige Minuten an und ebbte so schnell ab, wie er gekommen war. Die dunklen Wolken verzogen sich, aber es wurde kaum heller, weil die Dämmerung einsetzte.

Kruto kniff die Augen zusammen und deutete auf ein schwaches Leuchten, das hinter der Flussbiegung aus dem Dickicht der Pflanzen hervorschien. „Hat die Hexe ein Feuer gemacht oder hat der Blitz eingeschlagen?“

Im Schutz der Uferböschung schlichen sie zum Fluss hinunter. Dort brannte kein Feuer, auch die alte Frau war nicht zu sehen. Stattdessen fanden sie die hochgewachsene, feingliedrige Gestalt eines Mannes mit hell leuchtender Haut, der bewusstlos im flachen Wasser nahe des Ufers lag. Erst als sie näher kamen, sahen sie glitzernde weiße Flügel, die am Rücken des Mannes schlaff herunterhingen.
„Was ist das?“, fragte Andry ehrfürchtig. „Ein Gott?“
Kruto schnaubte verächtlich. „Götter sind nicht so dürr. Außerdem ist dieser halbtot.“ Wie zum Beweis hob er den Arm des Flügelmannes an und ließ ihn zurück auf die Wasseroberfläche klatschen. In diesem Moment öffnete der Mann seine Augen und blickte Andry direkt ins Gesicht. Andry spürte ein Prickeln auf seiner Stirn, dann berührten ihn fremde Gedanken, zwei Worte formten sich in seinem Kopf: „Hilf mir!“
Verwirrt blickte Andry zu Kruto hinüber, aber dieser hat nichts bemerkt und übernahm wie gewohnt das Kommando: „Wir fesseln ihn und nehmen ihn mit ins Dorf.“

Niemand achtete auf Andry und Kruto, als sie das Dorf erreichten. Der Sturm hatte kaum Schäden angerichtet, aber der Schrecken über den vom Himmel gefallenen Stern hatte eine Panik unter den Bewohnern ausgelöst. Andry hatte sich den bewusstlosen Flügelmann, der sein Leuchten auf dem Weg ins Dorf verloren hatte, auf den Rücken gebunden. Andrys Vater kam ihnen entgegen gelaufen und rief Kruto zu: „Junge, geh‘ sofort nach Hause, Dein Vater sucht Dich. Deine Mutter liegt im Sterben.“
Dann wandte er sich Andry zu. „Wir haben uns große Sorgen um Euch gemacht.“ Er sah sich den Flügelmann an und befahl Andry, ihn in den Verschlag hinter dem Haus unterzubringen. „Wir kümmern uns morgen um ihn“, sagte er und ließ keinen Widerspruch zu. „Jetzt ist es wichtiger, den Nachbarn zu helfen. Und Du gehst zu Deiner Mutter und beruhigst Deine Geschwister. Die gebärden sich wie ein Haufen Hühner, wenn ein Fuchs im Stall ist!“

Bei Sonnenaufgang gingen Andry und sein Vater zu dem Holzverschlag und öffneten die Tür. Andry erschrak, als er hineinsah. Nichts erinnerte mehr an das leuchtende, wunderschöne Wesen, das sie im Fluss entdeckt hatten. Der Mann lag auf dem Stroh, verschmutzt, zerkratzt, mager und die grauen Flügel waren eingetrocknet wie Herbstlaub.

„Einen merkwürdigen Vogel habt ihr da eingesammelt“, meinte Andrys Vater. „Aber ich befürchte, dass er nicht mehr lange leben wird. Laß‘ Dir etwas Brühe von Deiner Mutter geben und seh‘ zu, ob Du ihn aufpäppeln kannst.“

Andry kam mit einem Teller Suppe und einem Löffel zurück. Er setzte sich neben den Flügelmann auf den Boden, hob den Kopf des Mannes an und träufelte ihm mit dem Löffel die Brühe in den Mund. Der Mann schluckte. Und noch ein paar Tropfen und wieder schluckte er. Nach einiger Zeit begann die Haut des Mannes leicht zu glimmen. Er öffnete die Augen und blickte Andry an. Wieder spürte Andry das Kribbeln auf der Stirn und wieder formten sich Worte in seinem Kopf.

„Danke, Andry.“
„Du kennst meinen Namen?“, fragte Andry.
Der Flügelmann nickte.
„Hast Du auch einen Namen?“
„Ja, ich heiße Luzien.“
„Luzien.“ Andry ließ sich den fremdklingenden Namen auf der Zunge zergehen. „Was bist Du? Und warum bist Du hier?“
Luzien blickte müde zu einem Loch in der Decke des Holzverschlags hoch. „Einige Menschen nennen uns Sterne, andere sagen, wir seien Engel. Ich bin hier, weil ich …“, er stockte, „weil ich gefallen bin“, fügte er dann hinzu.
„Bist Du gut oder böse?“
Luzien lächelte schwach. „Da wo ich herkomme, gibt es kein Gut und kein Böse. Es gibt nur das, was ist.“
Andry sah ihn zweifelnd an. „Das verstehe ich nicht.“
„Nun, Du bist freundlich zu mir und das soll nicht zu Deinem Schaden sein.“

In diesem Moment erhob sich draußen ein großes Geschrei. Andry verließ hastig den Verschlag, um zu sehen, was los war. Die Dorfbewohner hatten sich vor dem Haus seiner Familie versammelt. Die Frauen trugen Stöcke und Spaten bei sich, die Männer waren mit Äxten und Messern bewaffnet, vorneweg Krutos Vater, der wild gestikulierend vor Andrys Vater stand. „Du hast ein Monster auf Deinem Hof, Radek! Es hat meine Frau und mein ungeborenes Kind getötet!“

„Wovon redest Du, Zarko! Deine Frau ist vor Schreck hinfallen und hat sich dabei unglücklicherweise schwer verletzt! Das hast Du gestern selbst erzählt.“
„Sie hat sich erschrocken, weil dieses Monster vom Himmel gefallen ist. Hier, diese alte Frau aus dem Wald hat es gesehen und auch, dass unsere Söhne es hergebracht haben.“
Er wies auf die alte Frau, die ihren Stock hob und rief: „Das Monster bringt Unglück. Es muss brennen!“
Die anderen Bewohner stimmten mit ein und schrien: „Brennen muss es, brennen! Brennen muss es, brennen!“
Andrys Vater konnte den Mob nicht aufhalten, der seinen Hof stürmte. Die Männer zerrten Luzien aus dem Verschlag und schleiften ihn davon.

Andry verkroch sich unter dem Dach seines Elternhauses. Er hörte, wie sein Vater seiner Mutter erzählte, dass die Dörfler den Flügelmann gefoltert hätten, um ihn zum Reden zu zwingen. Ohne Erfolg, er hatte nicht einmal die Augen geöffnet. Am Nachmittag schichteten sie einen großen Haufen Holz auf dem Platz in der Mitte des Dorfes auf und noch am Abend wurde der Gefolterte auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Andry hörte das Geschrei und die Beschimpfungen der Dorfbewohner und hielt sich die Ohren zu. Erst spät in der Nacht, als der Scheiterhaufen niedergebrannt war und die Menschen in ihre Häuser zurückgekehrt waren, verließ Andry sein Versteck und ging zu dem noch glühenden Aschehaufen. Außer zweier Wachen, die vor sich hin dösten, war niemand zu sehen. Andry setzte sich auf einen Baumstumpf und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
„Luzien, das habe ich nicht verhindern können“, flüsterte er.
Plötzlich bewegte sich der Aschehaufen. Andry sah auf. Nur ein Glutnest, das in sich zusammenfiel. Doch, da noch eine Bewegung. Andry kniff die Augen zusammen und starrte in die Glut, aus der sich eine Gestalt erhob – groß, kräftig, dunkel und – grimmig.
„Luzien?“, flüsterte Andry.
Der Blick der Kreatur streifte ihn. „Ja, ich bin Luzien, der gefallene Engel, den ihr verschmäht habt, und auch der Dämon, den ihr aus Feuer erschaffen habt.“
„Bist Du jetzt böse? Wirst Du uns töten?“
Der Dämon lachte leise aber hörbar. Die Wachen schraken hoch und erstarrten beim Anblick des dunklen Engels, der seine mächtigen Schwingen spreizte. Funken sprühten, als Glutreste aus seinen Federn fielen.
Unhörbar für die Wachen formte Luzien seine Antwort in Andrys Kopf: „Nein, ich töte niemanden. Es sind die Menschen, die sich gegenseitig auslöschen. Es kommt Unheil über dieses Land und ich hätte es von diesem Ort fernhalten können, hätten die Menschen nicht das Licht in mir zerstört. Aber Dir und Deiner Familie, mein Freund, werde ich beistehen. Euch soll kein Leid geschehen.“

Ein Brausen hob an, so laut, das die Bewohner des Dorfes erwachten und erneut brach Panik unter ihnen aus, als sie die dunkle Kreatur erblickten, die sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft hob und davonflog.

Im folgenden Winter 1138/39 zerstörte der Graf von Holstein die Dörfer der Wagrier, tötete das Vieh und vernichtete die Vorräte. Als im Sommer 1139 die Saat aufgegangen war, wurden die Felder der Wagrier erneut verwüstet. Die Menschen flohen oder sie starben an Hunger.

Andrys Familie überlebte und Andry bestritt viele weitere Abenteuer. Aber das ist eine andere Geschichte.

 


¹Wagrien lag auf dem Gebiet der heutigen Kreise Ostholstein und Plön.

²Oldenburg in Holstein

³Alt Lübeck

Quelle: Wikipedia unter dem Stichwort „Wagrier“

„Siehst Du, Momo“, sagte Beppo, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich.  Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals  schaffen, denkt man.“
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort:  „Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer
mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht  weniger wird, was noch vor einem liegt.  Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst,  und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr.  Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht  machen.“

Er dachte einige Zeit nach.  Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf  einmal denken, verstehst du?  Man muß immer nur an den nächsten Schritt denken, an den  nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.  Und immer wieder nur an den nächsten.“

Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte:  „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine  Sache gut. Und so soll es sein.“
Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort:  „Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße
gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht  außer Puste.“
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“

Zitat aus „Momo“ von Michael Ende