Hölle

Es gab sie doch, die Gerechtigkeit, oder? Klara verzog die Lippen zu einem bitteren Lächeln und ihr Magen krampfte sich zusammen, als ihr vollends bewusst wurde, dass sie nun eine Mörderin war.

Vor drei Tagen noch hatte Harald sie beschimpft, sie angeschrien, wie jeden Morgen, wenn sein Frühstücksei zu weich oder zu hart gewesen war. Er hatte ihr befohlen, sich vor ihm hinzuknien und sie dann geschlagen. Er sagte, sie müsse wieder in den Keller für die nächsten acht Stunden, zur Strafe für ihren Ungehorsam. Es war die Hölle – und das war es bereits seit Monaten. Aber diesmal war Harald unvorsichtig gewesen, denn er ging voran durch die Küche zur offenen Kellertür. Als er sich im Gehen zu ihr umwandte und ihr befahl, ihm zu folgen, lief ihm die Katze vor die Füße. Er kam ins Straucheln, verlor das Gleichgewicht und verschwand mit dem Kopf voran und einem Schrei auf den Lippen durch die Tür. Klara hörte das Poltern, als er die steile Holzstiege hinunterstürzte, das Knacken der Knochen und den Aufprall des massigen Körpers auf dem Steinboden.

Zögernd ging Klara zur Kellertür und lugte ins Dunkel hinunter. Harald war immer gut für eine Überraschung, deshalb musste sie auf der Hut sein. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er sie an der Nase herumgeführt hätte. Sie tastete vorsichtig nach dem Lichtschalter über der Treppe.
„Klara, steh‘ da nicht rum wie ‘ne blöde Kuh! Mach‘ endlich das Licht an und komm‘ runter!“, raunzte Harald sie an.
Klara gehorchte und schaltete das Licht ein. Harald lag ihr seitlich zugewandt auf dem Steinboden am Fuß der Stiege, die fast so steil war wie eine Leiter. Aus seinem Mundwinkel lief Blut, das linke Bein und der rechte Arm waren merkwürdig abgewinkelt.
„Verdammt, hilf mir. Ich kann nicht aufstehen, ich spüre meine Beine nicht mehr.“

Klara stieg vorsichtig zwei schmalen Stufen hinab und stützte sich dabei an der Wand ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie wies auf seinen gebrochenen Unterschenkel und sagte: „Du spürst das nicht? Das sollte aber ziemlich weh tun, so wie es aussieht.“
Harald streckte ihr den linken Arm hilfesuchend entgegen, dann zuckte er zusammen und drückte den Arm an die Brust. Sein rot verschmiertes Gesicht und sein geöffneter Mund erinnerten sie an eine Halloween-Maske. Ihm fehlten die beiden oberen Schneidezähne. Daher also das ganze Blut. Dies musste ein Traum sein, Wirklichkeit war anders. Harald sah so albern hilflos aus. Klara setzte sich auf den oberen Treppenabsatz und begann zu kichern.
Harald sah sie fassungslos an. „Geht’s noch Klara? Hast Du Deinen Verstand verloren?“
Ihr Kichern verstummte. Sie rang nach Worten. So lange Zeit schon hatte sie nur einzelne Worte gesprochen und selten ganze Sätze. Helmut hatte es ihr verboten. Dann brach es heiser aus ihr heraus: „Weißt Du was, Harald? Mein Verstand arbeitet ganz hervorragend. Ich werde Dir nicht helfen. Sollst Du doch verrecken in diesem dreckigen Kellerloch, in dieser Folterkammer, die du für mich eingerichtet hast. Jetzt wirst Du am eigenen Leib erfahren, wie es ist, die Stunden hier unten zu verbringen. Aber ich werde gnädig mit Dir sein, Harald. Im Gegensatz zu mir wirst Du nicht monatelang leiden müssen, nur zwei oder drei Tage. Dann wirst Du einfach verdurstet sein. Vielleicht wirst Du vorher sogar ohnmächtig, dann ist es nicht einmal schlimm.“
„Klara, wie meinst Du das? Was hast Du vor?“ stammelte Harald.
„Ich bin jetzt frei, mein Lieber. Ich werde ein bisschen Urlaub an der Ostsee machen. Ich fahre in dieses süße Hotel, das ich schon seit langer Zeit besuchen wollte.“ Klara legte den Kopf in den Nacken und lächelte versonnen an die Kellerdecke. „Ich werde den Himmel sehen und das Meer. Und anstatt an dich zu denken, werde ich es genießen, diesem Wahnsinn entkommen zu sein.“
Sie stand auf und stieg die beiden Stufen zur Küche hinauf.
„In 14 Tagen komme ich zurück zu Dir, Harald. Ich werde die Kellertür öffnen, erschrocken herunterblicken, den Notarzt und die Polizei rufen und herzzerreißend weinen, weil Du in meinem Urlaub gestürzt und so elendig umgekommen bist.“
Harald begann zu schreien. „Verdammt, Du verdammte Hure, wer hat Dir ins Gehirn geschissen? Komm zurück!“
Klara ignorierte ihn. Sie knipste das Kellerlicht aus und verriegelte die schallgedämpfte Tür.

Klara saß auf der Terrasse des kleinen Strandhotels, mit einen großen Erdbeer-Eisbecher vor ihr auf dem Bistro-Tisch. Sie liebte diesen Platz. Vor vier Jahren hatte sie hier mit Harald gesessen, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Schon damals war er sehr dominant, aber sie hatte es gemocht, denn trotz aller Dominanz war er rücksichtsvoll zu ihr gewesen. Dann änderte sich schlagartig, nachdem er wegen einer dummen Sache für 18 Monate ins Gefängnis musste. Als er entlassen wurde, war er nicht mehr derselbe Mensch. Was vorher BDSM-Spielchen waren, wurde nun zu bitterem Ernst. Klara durfte das Haus nicht mehr allein verlassen und wenn Harald fortging, dann sperrte er sie ein. Manchmal waren die Qualen, die er ihr zufügte so groß gewesen, dass sie nahe dran war, den Verstand zu verlieren. Sie hatte sich das Leben nehmen wollen, aber selbst das hatte er vereitelt.

Klara schüttelte sich, sie wollte nicht mehr daran denken und konzentrierte sich auf ihren Eisbecher. Nicht zurückdenken, am besten gar nichts denken. Nur dasitzen, ohne Schmerzen, ohne Angst. Einfach nur genießen. Die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut. Einfach nur sein. Dem Rauschen des Meeres und den Rufen der Möwen lauschen, den Leuten am Strand beim Spazierengehen zusehen. Das Eis auf der Zunge zergehen lassen. Nichts tun – nur sein. Frei sein.

„Frau Schneider?“ Eine Hand legte sich auf Klaras Schulter. Sie erstarrte.
Ein Mann in Polizeiuniform trat in ihr Blickfeld. „Frau Schneider, Sie sind vorläufig festgenommen.“
„Wieso? Warum?“, stammelte Klara.
„Ihr Mann behauptet, Sie hätten ihn die Kellertreppe hinuntergestoßen. Dann haben Sie das Haus verlassen und ihn sich selbst überlassen.“
„Ich habe ihn nicht gestoßen! Er ist gestolpert!“, rutschte es aus ihr heraus. Klara biss sich auf die Zunge.
„Das können Sie uns alles auf dem Revier erzählen.“
Die Handschellen klickten und vor Klaras Augen zerfiel die Welt. Die Frage kam ihr nur stockend über die Lippen, aber sie musste es wissen: „Wieso haben Sie mich gefunden?“
„Ihr Mann hatte ein Handy bei sich und konnte damit den Notruf wählen, Der Empfang war schlecht, aber wir konnten das Handy orten und haben ihn im Keller Ihres Hauses gefunden.“

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Feddersen und das Grauen in Pelz

Feddersen ist ein Mann, der immer pünktlich und ordentlich ist. Er lebt – nach außen hin –  ein ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er lebt nach der Uhr. Er steht jeden Morgen um die gleiche Zeit auf, kommt  um die gleiche Zeit in sein Büro, isst um die gleiche Zeit zu Mittag und geht um die gleiche Zeit schlafen. Was niemand ahnt: Feddersen leidet unter einer überstarken Angst. Er fürchtet sich davor, dass etwas Schlimmes geschehen könnte und er glaubt, wenn er sich nur an seine Ordnung und Pünktlichkeit hält, dass dann nichts passiert und alles gut ausgeht. Bis eines Tages alles aus den Fugen gerät…

An einem Donnerstag im November verließ Feddersen sein Büro pünktlich um 17:30 Uhr und stieg in den Bus der Linie 60. Wie gewöhnlich stieg er an der Haltestelle Mozartweg  aus und trat hinaus auf die Straße. Er ließ das Haltestellen-Wartehäuschen, das still und verlassen im dichten Nebel verharrte, links liegen und machte sich auf den achtminütigen Fußweg nach Hause. Feddersen sog hörbar die kalte, feuchte Novemberluft in seine Lungen während er voranschritt. Merkwürdig ruhig war es heute. Die grauen Nebelschwaden verschluckten jegliche Farbe. Dunkel und abweisend säumten die Einfamilienhäuser die Straße, die mit Rollläden geschlossenen Fenster in sich gekehrt, wie schlafende Augen. Feddersen schauderte. Kein Fußgänger kam ihm entgegen, kein Auto fuhr an ihm vorbei. Fand heute vielleicht ein wichtiges Fußball-Länderspiel statt und die Leute saßen alle drinnen vor den Fernsehern? Hohl klingende Satzfetzen wehten heran. Feddersen verlangsamte seine Schritte und lauschte. Die verzerrten Worte einer weit entfernten Lautsprecherdurchsage drangen an sein Ohr:“ … bleiben Sie … Fenster und Türen geschlossen … vermeiden Sie …“ Dann die Sirene eines sich entfernenden Polizeiautos. Feddersen beschleunigte seinen Gang und bog von der Goethe-Straße links in die Nord-Allee ab, als es auf der rechten, gegenüberliegenden Straßenseite laut schepperte. Erschrocken blieb er stehen und starrte gebannt auf eine umgekippte Mülltonne, deren Inhalt sich quer über den Fußgängerweg ergoss. Eine dunkle Gestalt mit zotteligem Fell erhob sich darüber und reckte die wuchtige Schnauze in die Höhe, um Witterung aufzunehmen. Feddersen trat einen Schritt zurück und verbarg sich hinter einem Trafokasten. Vorsichtig öffnete er seine Aktentasche, der Verschluss klickte verräterisch laut. Er tastete in der Tasche umher, während er den Bären nicht aus den Augen ließ. Seine Hand schloss sich um eine Dose Pfefferspray, die er bei sich trug, seit er im Sommer von Jugendlichen überfallen worden war.

Feddersen hörte, wie der Bär schnaubend und schmatzend die Tonnen durchwühlte, aber es war ein anderes Geräusch, das sein Blut vor Entsetzen gefrieren ließ. Schritte näherten sich und er kannte das Klackern dieser Stiefel. Jeden Tag um 18:05 Uhr traf er hier seine taubstumme Nachbarin auf ihrem Weg zur Nachtschicht. Jeden Tag gingen sie aneinander vorbei, während er ihr freundlich zunickte und sie ihm ihr Lächeln schenkte. Er hätte sie so gerne zum Kaffee eingeladen, aber er wusste nicht, wie er sie ansprechen sollte. Nun war sie in höchster Gefahr. Feddersen lugte vorsichtig über den Trafokasten. Auch der Bär hatte die klackernden Schritte gehört. Er wandte sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam und ein tiefes Grollen entwich seiner Kehle.

Feddersen schüttelte sich vor Grauen. Er konnte sie nicht warnen. Selbst wenn er ihr zuriefe, würde sie ihn nicht hören können. Der Bär wird sie zerfleischen!

Das Trippeln kam fröhlich näher, eine zierliche Gestalt erschien unter dem Licht einer Straßenlaterne und blieb dort starr vor Schreck stehen, als sie den Bären erblickte, der nun auf sie zutappte.

Vor Entsetzen senkte Feddersen seinen Kopf und ging in die Knie. Dabei fiel sein Blick auf ein altes Feuerzeug in seiner Aktentasche und die beiden dicken Aktenordner. Zitternd hielt er das brennende Feuerzeug an das Papier in den Ordnern. Er achtete nicht darauf, dass die Flammen seine Hände versengten und auf die Ärmel seines Mantels übergriffen. Die brennende Aktentasche in der einen Hand und die Dose Pfefferspray in der anderen Hand sprang er aus seinem Versteck hervor und rannte schreiend auf den Bären zu, der sich irritiert zu ihm umdrehte. Feddersen warf die brennende Aktentasche in hohem Bogen und verfehlte den Bären nur knapp. Dieser vergaß die Frau und kam nun schnell auf Feddersen zu.

Feddersen warf dem Bären die Pfefferspraydose mit aller Kraft an den Kopf, drehte sich um und rannte. Vor ihm hörte er die Sirene eines Polizei-Autos, hinter ihm ein ohrenbetäubendes Brüllen. Er glaubte, bereits den heißen Atem des Bären im Nacken zu spüren als er stolperte, hinfiel und mit dem Kopf auf die Bordsteinkante schlug. Gnädige Schwärze umfing ihn.

Feddersen kam zu sich. Sein Blick fiel auf seine Nachbarin, die sich über ihn beugte. Sie lächelte ihn an. Verwirrt setzte er sich auf. Erst jetzt nahm er die vielen Menschen, und das Blaulicht wahr. Ein Sanitäter kniete an seiner Seite.

Ein Polizist erklärte Feddersen später, dass Anwohner die Polizei gerufen hatten. Als diese eintrafen, lag Feddersen bereits bewusstlos am Boden, während der ausgerissene Zirkusbär blind und jämmerlich brüllend im Kreis herumlief. Er hatte die Dose Pfefferspray zerbissen und sich damit selbst außer Gefecht gesetzt. Feddersen wurde vorsorglich ins Krankenhaus eingeliefert, begleitet von seiner hübschen Nachbarin. Drei Monate später zogen die beiden in eine gemeinsame Wohnung.

Der gefallene Stern

Man schrieb das Jahr 1138, als nach Augenzeugenberichten ein Stern auf das Stammesgebiet der Wagrier¹ herabfiel. Als die Bewohner Starigards² und Lubicia³ den geschweiften Stern erblickten, der in einem flammenden Blitz in den Wäldern Wagriens verschwand, gerieten sie in Panik, denn so ein ungewöhnliches Himmelsereignis wurde gemeinhin als böses Omen gedeutet.

Andry lag in einem aus Zweigen und Blättern errichteten Unterschlupf und beobachtete, wie die alte Frau, die in der Einsiedelei am gegenüberliegenden Ufer des schmalen Flusses hauste, Wasser in ihren Krug schöpfte. Er stieß seinem Freund Kruto, der neben ihm lag, unsanft in die Rippen.
„Da, die Hexe!“ Andry zeigte hinunter zum Fluss.
Kruto drehte sich zur Seite und schielte durch den Ausguck. „Mist“, murmelte er. „So schnell komm‘ ich da jetzt nicht rüber in ihre Hütte, selbst wenn Du sie ablenkst.“
„Ach, was soll‘s.“ Andry rollte sich auf den Rücken und betrachtete das Blätterdach. „Ich glaube sowieso nicht, dass dort irgendetwas Interessantes zu finden ist.“
Kruto lachte. „Du bist ein Hasenfuß und hast Angst, dass die Alte Dich verhext.“

Andry seufzte. Er wollte sich nicht schon wieder mit Kruto streiten. Beste Freunde waren sie gewesen, bis sich ihre Väter im letzten Jahr zerstritten hatten. Ein paar wildgewordene Rindviecher, die Krutos Familie gehörten, hatten die Holzwerkstatt zerstört, die auf dem Hof von Andrys Familie stand. Die immer stärker werdende Abneigung ihrer Väter färbte auf die Freundschaft der Söhne ab.

„Wovon sich die Alte wohl ernährt?“, lenkte Andry ein.
„Sie frisst die Ratten, die ihre Katze fängt – oder kleine Kinder, die sich im Wald verirren“, erwiderte Kruto.
Nun war es Andry, der lachte. „Du glaubst doch nicht wirklich diesen Unsinn. Mein Vater meint, man soll nicht alles glauben, was die Leute erzählen.“
„Tatsächlich? Und woher weiß Dein Vater das? Meiner sagt immer, in jeder Geschichte steckt ein Fünkchen Wahrheit. Die Alte frisst kleine Kinder!“
„Unsinn.“
„Dann nehmen wir morgen Deine kleine Schwester mit und setzen sie da drüben aus. Dann werden wir ja sehen, ob’s Unsinn ist“, meinte Kruto verächtlich.
„Halt‘ meine Schwester da raus!“, rief Andry und ballte seine Fäuste. Sie wollten gerade aufeinander losgehen, als es schlagartig dunkel wurde. Erschrocken blickten sie nach draußen. Wie aus dem Nichts entfesselte sich ein Inferno: Sturmböen rissen an den Bäumen, Äste fielen herab, ein ungeheuerliches Brausen erhob sich. Dann wurde das Blätterdach ihres Unterschlupfs vom Sturm davongetragen. Schutzlos den Naturgewalten ausgeliefert, rollten sich die beiden jungen Männer in einer Mulde zusammen und verschränkten die Arme über ihre Köpfe. Eine leuchtende Kugel am Himmel, dann ein Blitz, gefolgt von einem gewaltiger Donnerschlag.

Der Sturm dauerte nur wenige Minuten an und ebbte so schnell ab, wie er gekommen war. Die dunklen Wolken verzogen sich, aber es wurde kaum heller, weil die Dämmerung einsetzte.

Kruto kniff die Augen zusammen und deutete auf ein schwaches Leuchten, das hinter der Flussbiegung aus dem Dickicht der Pflanzen hervorschien. „Hat die Hexe ein Feuer gemacht oder hat der Blitz eingeschlagen?“

Im Schutz der Uferböschung schlichen sie zum Fluss hinunter. Dort brannte kein Feuer, auch die alte Frau war nicht zu sehen. Stattdessen fanden sie die hochgewachsene, feingliedrige Gestalt eines Mannes mit hell leuchtender Haut, der bewusstlos im flachen Wasser nahe des Ufers lag. Erst als sie näher kamen, sahen sie glitzernde weiße Flügel, die am Rücken des Mannes schlaff herunterhingen.
„Was ist das?“, fragte Andry ehrfürchtig. „Ein Gott?“
Kruto schnaubte verächtlich. „Götter sind nicht so dürr. Außerdem ist dieser halbtot.“ Wie zum Beweis hob er den Arm des Flügelmannes an und ließ ihn zurück auf die Wasseroberfläche klatschen. In diesem Moment öffnete der Mann seine Augen und blickte Andry direkt ins Gesicht. Andry spürte ein Prickeln auf seiner Stirn, dann berührten ihn fremde Gedanken, zwei Worte formten sich in seinem Kopf: „Hilf mir!“
Verwirrt blickte Andry zu Kruto hinüber, aber dieser hat nichts bemerkt und übernahm wie gewohnt das Kommando: „Wir fesseln ihn und nehmen ihn mit ins Dorf.“

Niemand achtete auf Andry und Kruto, als sie das Dorf erreichten. Der Sturm hatte kaum Schäden angerichtet, aber der Schrecken über den vom Himmel gefallenen Stern hatte eine Panik unter den Bewohnern ausgelöst. Andry hatte sich den bewusstlosen Flügelmann, der sein Leuchten auf dem Weg ins Dorf verloren hatte, auf den Rücken gebunden. Andrys Vater kam ihnen entgegen gelaufen und rief Kruto zu: „Junge, geh‘ sofort nach Hause, Dein Vater sucht Dich. Deine Mutter liegt im Sterben.“
Dann wandte er sich Andry zu. „Wir haben uns große Sorgen um Euch gemacht.“ Er sah sich den Flügelmann an und befahl Andry, ihn in den Verschlag hinter dem Haus unterzubringen. „Wir kümmern uns morgen um ihn“, sagte er und ließ keinen Widerspruch zu. „Jetzt ist es wichtiger, den Nachbarn zu helfen. Und Du gehst zu Deiner Mutter und beruhigst Deine Geschwister. Die gebärden sich wie ein Haufen Hühner, wenn ein Fuchs im Stall ist!“

Bei Sonnenaufgang gingen Andry und sein Vater zu dem Holzverschlag und öffneten die Tür. Andry erschrak, als er hineinsah. Nichts erinnerte mehr an das leuchtende, wunderschöne Wesen, das sie im Fluss entdeckt hatten. Der Mann lag auf dem Stroh, verschmutzt, zerkratzt, mager und die grauen Flügel waren eingetrocknet wie Herbstlaub.

„Einen merkwürdigen Vogel habt ihr da eingesammelt“, meinte Andrys Vater. „Aber ich befürchte, dass er nicht mehr lange leben wird. Laß‘ Dir etwas Brühe von Deiner Mutter geben und seh‘ zu, ob Du ihn aufpäppeln kannst.“

Andry kam mit einem Teller Suppe und einem Löffel zurück. Er setzte sich neben den Flügelmann auf den Boden, hob den Kopf des Mannes an und träufelte ihm mit dem Löffel die Brühe in den Mund. Der Mann schluckte. Und noch ein paar Tropfen und wieder schluckte er. Nach einiger Zeit begann die Haut des Mannes leicht zu glimmen. Er öffnete die Augen und blickte Andry an. Wieder spürte Andry das Kribbeln auf der Stirn und wieder formten sich Worte in seinem Kopf.

„Danke, Andry.“
„Du kennst meinen Namen?“, fragte Andry.
Der Flügelmann nickte.
„Hast Du auch einen Namen?“
„Ja, ich heiße Luzien.“
„Luzien.“ Andry ließ sich den fremdklingenden Namen auf der Zunge zergehen. „Was bist Du? Und warum bist Du hier?“
Luzien blickte müde zu einem Loch in der Decke des Holzverschlags hoch. „Einige Menschen nennen uns Sterne, andere sagen, wir seien Engel. Ich bin hier, weil ich …“, er stockte, „weil ich gefallen bin“, fügte er dann hinzu.
„Bist Du gut oder böse?“
Luzien lächelte schwach. „Da wo ich herkomme, gibt es kein Gut und kein Böse. Es gibt nur das, was ist.“
Andry sah ihn zweifelnd an. „Das verstehe ich nicht.“
„Nun, Du bist freundlich zu mir und das soll nicht zu Deinem Schaden sein.“

In diesem Moment erhob sich draußen ein großes Geschrei. Andry verließ hastig den Verschlag, um zu sehen, was los war. Die Dorfbewohner hatten sich vor dem Haus seiner Familie versammelt. Die Frauen trugen Stöcke und Spaten bei sich, die Männer waren mit Äxten und Messern bewaffnet, vorneweg Krutos Vater, der wild gestikulierend vor Andrys Vater stand. „Du hast ein Monster auf Deinem Hof, Radek! Es hat meine Frau und mein ungeborenes Kind getötet!“

„Wovon redest Du, Zarko! Deine Frau ist vor Schreck hinfallen und hat sich dabei unglücklicherweise schwer verletzt! Das hast Du gestern selbst erzählt.“
„Sie hat sich erschrocken, weil dieses Monster vom Himmel gefallen ist. Hier, diese alte Frau aus dem Wald hat es gesehen und auch, dass unsere Söhne es hergebracht haben.“
Er wies auf die alte Frau, die ihren Stock hob und rief: „Das Monster bringt Unglück. Es muss brennen!“
Die anderen Bewohner stimmten mit ein und schrien: „Brennen muss es, brennen! Brennen muss es, brennen!“
Andrys Vater konnte den Mob nicht aufhalten, der seinen Hof stürmte. Die Männer zerrten Luzien aus dem Verschlag und schleiften ihn davon.

Andry verkroch sich unter dem Dach seines Elternhauses. Er hörte, wie sein Vater seiner Mutter erzählte, dass die Dörfler den Flügelmann gefoltert hätten, um ihn zum Reden zu zwingen. Ohne Erfolg, er hatte nicht einmal die Augen geöffnet. Am Nachmittag schichteten sie einen großen Haufen Holz auf dem Platz in der Mitte des Dorfes auf und noch am Abend wurde der Gefolterte auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Andry hörte das Geschrei und die Beschimpfungen der Dorfbewohner und hielt sich die Ohren zu. Erst spät in der Nacht, als der Scheiterhaufen niedergebrannt war und die Menschen in ihre Häuser zurückgekehrt waren, verließ Andry sein Versteck und ging zu dem noch glühenden Aschehaufen. Außer zweier Wachen, die vor sich hin dösten, war niemand zu sehen. Andry setzte sich auf einen Baumstumpf und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
„Luzien, das habe ich nicht verhindern können“, flüsterte er.
Plötzlich bewegte sich der Aschehaufen. Andry sah auf. Nur ein Glutnest, das in sich zusammenfiel. Doch, da noch eine Bewegung. Andry kniff die Augen zusammen und starrte in die Glut, aus der sich eine Gestalt erhob – groß, kräftig, dunkel und – grimmig.
„Luzien?“, flüsterte Andry.
Der Blick der Kreatur streifte ihn. „Ja, ich bin Luzien, der gefallene Engel, den ihr verschmäht habt, und auch der Dämon, den ihr aus Feuer erschaffen habt.“
„Bist Du jetzt böse? Wirst Du uns töten?“
Der Dämon lachte leise aber hörbar. Die Wachen schraken hoch und erstarrten beim Anblick des dunklen Engels, der seine mächtigen Schwingen spreizte. Funken sprühten, als Glutreste aus seinen Federn fielen.
Unhörbar für die Wachen formte Luzien seine Antwort in Andrys Kopf: „Nein, ich töte niemanden. Es sind die Menschen, die sich gegenseitig auslöschen. Es kommt Unheil über dieses Land und ich hätte es von diesem Ort fernhalten können, hätten die Menschen nicht das Licht in mir zerstört. Aber Dir und Deiner Familie, mein Freund, werde ich beistehen. Euch soll kein Leid geschehen.“

Ein Brausen hob an, so laut, das die Bewohner des Dorfes erwachten und erneut brach Panik unter ihnen aus, als sie die dunkle Kreatur erblickten, die sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft hob und davonflog.

Im folgenden Winter 1138/39 zerstörte der Graf von Holstein die Dörfer der Wagrier, tötete das Vieh und vernichtete die Vorräte. Als im Sommer 1139 die Saat aufgegangen war, wurden die Felder der Wagrier erneut verwüstet. Die Menschen flohen oder sie starben an Hunger.

Andrys Familie überlebte und Andry bestritt viele weitere Abenteuer. Aber das ist eine andere Geschichte.

 


¹Wagrien lag auf dem Gebiet der heutigen Kreise Ostholstein und Plön.

²Oldenburg in Holstein

³Alt Lübeck

Quelle: Wikipedia unter dem Stichwort „Wagrier“

Die Andere

Sommer 1986.

Hilde blickte sich zu Egon um, der hinter den Absperrungen zurückgeblieben war, aber sie konnte ihn nirgends mehr entdecken. Hätte er nicht wenigstens noch stehenbleiben und ihr winken können? Eine Träne stahl sich in Hildes Augenwinkel, während sie sich in die Schlange an der Abfertigung einreihte.
Er hatte eine Andere. Ja, eine Andere! Warum sonst hätte er sie einfach so weggeschickt?
 Hilde passierte die Ausweis- und Taschenkontrollen.
Sie solle sich in Italien erholen, hatte Egon gesagt, er wäre ja so gerne mitgekommen, aber seine Flugangst ließe dies nicht zu. Sie hatte erwidert, dass es doch wesentlich einfacher sei, in den Harz zu fahren. Egon aber ließ sich nicht umstimmen. Er meinte, jetzt wo sie den Krebs besiegt hätte, verdiene sie einen ganz besonderen Urlaub.

Eine Lautsprecherdurchsage holte Hilde zurück in die Gegenwart. Die Passagiere des Fluges LH376 mögen sich bitte zum „Check in“ am Gate 18 einfinden. Zögernd machte sie sich auf den Weg.

Sie hatte einige Male beobachtet, wie Egon hastig den Telefonhörer auflegte, wenn sie das Zimmer betrat. Dabei hatte er immer so schuldbewusst ausgesehen. Ja, schuldbewusst! Und dann war da noch das Telegramm, das sie in seiner Jackentasche gefunden hatte. „Ich hab‘ Dich lieb und kann es kaum erwarten, Dich wiederzusehen“, stand da. Als sie ihn hatte zur Rede stellen wollen, war er verärgert gewesen, hatte gefragt, was ihr überhaupt einfiele, seine Nachrichten zu lesen.

Hilde schluchzte lauf auf. Erschrocken sah sie sich um, aber niemand achtete auf sie. Die anderen Passagiere drängten sich um das Gate 18.

Was um Himmels Willen sollte sie jetzt tun? Sie konnte unmöglich in das Flugzeug steigen und 40 Jahre Ehe so einfach hinter sich lassen! Nein, sie musste herausfinden, wer diese andere Frau war. Sie würde um ihren Egon kämpfen, so wie sie gegen den Krebs gekämpft hatte und nicht zulassen, dass ihre Ehe kaputt ging.

Abrupt wandte Hilde sich vom Gate ab, lief den markierten Weg entlang zum Ausgang, stieß fast mit einem Sicherheitsbeamten zusammen und blieb erst draußen vor dem Flughafengebäude stehen, um durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen. Es war später Nachmittag, ihr Gepäck befand sich bereits im Flugzeug und Egon auf dem Weg nach Hause. Wie sollte es jetzt weiter gehen? Mit der Bahn brauchte sie etwa vier Stunden bis nach Hause. Bis dahin würde ihr etwas eingefallen sein.

Erst um elf Uhr abends erreichte Hilde den Hauptbahnhof in Lübeck und verpasste somit den letzten Bus nach Ratekau, ihrem Heimatdorf. Glücklicherweise hatte sie noch 100 DM in ihrer Handtasche, genug, um im Hotel neben dem Bahnhof zu übernachten. Am nächsten Morgen stand sie an einem Münzfernsprecher, der in der Hotel-Lobby angebracht war und wählte mit zitternden Händen die heimische Telefonnummer.
 Egon meldete sich: „Hilde, wie schön, dass Du anrufst! Wie war der Flug? Bist Du gut angekommen?“
Im Hintergrund hörte Hilde das Klirren von Geschirr. Sie erwiderte: „Die Reise war anstrengend, aber es geht mir gut. Egon, hast Du Besuch?“
„Nein, ich bin allein zuhause. Hast Du schon das Meer gesehen? Wie ist das Wetter!“
Hilde hörte ein Scheppern und dann einen leisen, spitzen Schrei, eindeutig weiblich!
„Egon, was ist da los? Da ist doch jemand bei Dir?“
„Wer er soll denn hier sein? Das ist der Fernseher, der so einen Krach macht. Wie ist das Essen im Hotel?“
Sie tauschten noch ein paar Sätze aus, bevor Hilde auflegte. Sie blickte zur Uhr, verzog das Gesicht und schnaubte. Der Fernseher! So ein Unsinn, es konnte nicht der Fernseher gewesen sein, der diesen Krach gemacht hatte. Das Fernsehprogramm begann erst um neun Uhr und jetzt war es halb neun.

Leise schloss Hilde die Haustür auf, blieb im Flur stehen und horchte. Stimmen drangen aus dem Esszimmer. Sie schlich zur Zimmertür und öffnete sie einen Spalt. Da! Wie recht sie gehabt hatte! Mit dem Rücken zur Tür standen Egon und eine jungen Frau nebeneinander und blickten zum Fenster hinaus. Sie hatte ihren Arm um ihn gelegt und beide lachten. Das war ja fast wie in flagranti!
Hilde trat ins Zimmer und rief mit lauter Stimme: „Egon! Was hat das zu bedeuten?“
Abrupt drehten sich die beiden Ertappten um. Hilde blickte Egon fest in die Augen. Sein Gesicht verlor jegliche Farbe.
„Mama, was machst Du denn hier?“
Diese Stimme kannte sie. Fassungslos blickte sie die junge Frau an – ihre Tochter, die in den USA lebte und die sie seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte. „Marianne? Du hier? Was hat das alles zu bedeuten?“
„Ach Mensch, Mami! Jetzt ist die ganze Überraschung hin. Papa hat mich gefragt, ob ich helfen könnte, die Wohnung zu renovieren und du bekommst eine neue Einbauküche zum 40jährigen Hochzeitstag. Wir wollten Dich damit überraschen und alles fertig haben, wenn Du aus dem Urlaub wiederkommst.
„Oh.“ Hilde musste sich setzen. Vor Scham, aber auch aus Erleichterung begann sie zu weinen.

Ein verhängnisvolles Picknick

Simon trat gemächlicher in die Pedalen und ließ sich hinter das Mädchen zurückfallen. So konnte er dessen reizenden Körper in dem flatternden, luftigen Sommerkleid besser betrachten. Erst vor zwei Wochen hatte er es auf Facebook kennengelernt. Dort stellte es sich ihm als Simone, 17 Jahre alt, vor. Amüsiert hatten sie sich über die Namensgleichheit und herumgealbert. Erstaunlich, wie einfach er das hübsche Ding zu einer Fahrradtour hatte überreden können. Nun brauchte er diese leichte Beute nur noch zu packen und …

Simons Herzschlag beschleunigte sich und er tastete nach dem Jagdmesser, das zusammengeklappt in seiner Jackentasche steckte. Normalerweise benötigte er es nicht, denn Frauenhälse sind zerbrechlich. Wenn sich aber so ein Fang als zu robust oder zu widerspenstig herausstellte, war das Messer ein nützliches Werkzeug.

Das Mädchen drehte sich zu ihm um und deutete auf eine Wiese, an der sie vorbeiradelten. „Schau mal, Simon, das ist doch ein schöner Platz für unser Picknick, oder?“

Simon nickte und sie stiegen ab. Er breitete die Decke aus, setzte sich und betrachtete das fröhlich plappernde Ding. Es sei in der Nähe aufgewachsen und kenne die Gegend gut, erzählte es. Simon beobachtete jede Bewegung seines Opfers, das sich zu ihm hinunterbeugte, um sein Glas mit Apfelschorle zu füllen. Er warf einen Blick in das weit ausgeschnittene Dekolleté, dem ein sinnlich-weicher Duft entströmte, den er mit einem tiefen Atemzug einsog. Ihm wurde schwindelig und das fordernde Kribbeln, das sich in seinem Körper ausbreitete, wurde stärker.

„Simon, guck‘ mal, sieht das nicht nach Regen aus? Wir sollten…“

Unvermittelt packte er sein Opfer und drückte es zu Boden. Es erstarrte unter seinen Händen und wehrte sich nicht. Umso besser. Er schob das Kleid hoch und …

Mit einem Schlag traf ihn ein scharfer Schmerz an der Schläfe und Sterne tanzten vor seinen Augen. Das Mädchen riss sich los und lief in den angrenzenden Wald.

Benommen setzte Simon sich auf. Neben ihm lag ein faustgroßer Stein. Wo zum Henker hatte diese Hexe den denn her? Er durfte das widerspenstige Ding nicht entkommen lassen, sondern musste es finden, bevor es die Polizei informieren konnte. Der Geruch des Parfüms lag noch in der Luft. Wie ein Raubtier nahm er die Witterung auf und sprintete zum Waldrand. Der Gedanke erregte ihn: er würde seine Beute durch die Dämmerung des Waldes hetzen und erlegen.

Kein Vogel zwitscherte in der dunklen Stille, nur knackendes Geäst und in der Ferne ein Donnergrollen. Plötzlich gab der Boden unter Simons Füßen nach, er stürzte in die Tiefe und schlug hart auf dem Grund einer Grube auf. Er kam schnell wieder auf die Beine und sprang hoch, aber seine Hände glitten vom Rand der Grube ab. Nur Erde, Kellerasseln und Spinnentiere rieselten in sein Gesicht.

Kurz darauf hörte er Stimmen. Das Mädchen und eine hagere, ältere Frau beugten sich über den Rand der Grube.

„Gott sei Dank!“, rief Simon. „Simone, es tut mir so leid, was ich getan hab‘. Bitte verzeih‘ mir.“

„Hör‘, wie er um Vergebung winselt“, spottete die Alte. „Da hast Du mir ja ein Prachtexemplar hergelockt.“

Prachtexemplar? Was hatte das zu bedeuten? „Simone, wer ist diese Frau?“

Die Frauen lachten, die eine glockenhell, die andere krächzend und es schien, als würden sie um ihn herumtanzen. „Was wollt ihr? Was habt ihr vor?“

„Was ich mit Dir vorhabe?“, höhnte die Alte, „Ich werde Dich räuchern und pökeln. Dein Schrumpfkopf wird einen Ehrenplatz in meiner Sammlung einnehmen.“

„Das ist nicht witzig.“ Simons Stimme klang heiser. „Es tut mir wirklich leid.“

Die hagere, kleine Frau beugte sich weit über den Rand der Grube. Ihr verfilztes Haar hin in langen Strähnen hinab.

„Kein Witz, ich lieben meine Schrumpfköpfe“, zischte sie.

Simon hasste diese Situation, er war Jäger und kein Opfer. Wie eine Sprungfeder schnellte er hoch, griff nach den Haaren der Frau und bekam eine Strähne zu fassen. Mit einem spitzen Schrei plumpste sie zu ihm hinab. Sofort begann sie, wütend auf ihn einzuschlagen. Simon bekam sie an der Kehle zu fassen und drückte zu. Die Hexe wandte sich wie eine Katze, aber ihre Bewegungen wurden langsamer. Triumphierend blickte er nach oben zum Rand der Grube. Das Mädchen stand noch dort und starrte entsetzt zu ihm hinab.

„Siehst Du?“, rief er triumphierend zu ihm hoch. „Siehst Du, wer hier gleich zum Schrumpfkopf wird?“

Plötzlich zerriss ein ungeheurer Schmerz seinen Körper. Er stieß die alte Frau von sich und sah hinunter. Sein eigenes Jagdmesser steckte in seinem Unterleib. Blut pulsierte aus der Wunde. Er ging in die Knie. Seine Sinne schwanden. Verdammte Hexen! Das war nicht fair!