Ein verhängnisvolles Picknick

Simon trat gemächlicher in die Pedalen und ließ sich hinter das Mädchen zurückfallen. So konnte er dessen reizenden Körper in dem flatternden, luftigen Sommerkleid besser betrachten. Erst vor zwei Wochen hatte er es auf Facebook kennengelernt. Dort stellte es sich ihm als Simone, 17 Jahre alt, vor. Amüsiert hatten sie sich über die Namensgleichheit und herumgealbert. Erstaunlich, wie einfach er das hübsche Ding zu einer Fahrradtour hatte überreden können. Nun brauchte er diese leichte Beute nur noch zu packen und …

Simons Herzschlag beschleunigte sich und er tastete nach dem Jagdmesser, das zusammengeklappt in seiner Jackentasche steckte. Normalerweise benötigte er es nicht, denn Frauenhälse sind zerbrechlich. Wenn sich aber so ein Fang als zu robust oder zu widerspenstig herausstellte, war das Messer ein nützliches Werkzeug.

Das Mädchen drehte sich zu ihm um und deutete auf eine Wiese, an der sie vorbeiradelten. „Schau mal, Simon, das ist doch ein schöner Platz für unser Picknick, oder?“

Simon nickte und sie stiegen ab. Er breitete die Decke aus, setzte sich und betrachtete das fröhlich plappernde Ding. Es sei in der Nähe aufgewachsen und kenne die Gegend gut, erzählte es. Simon beobachtete jede Bewegung seines Opfers, das sich zu ihm hinunterbeugte, um sein Glas mit Apfelschorle zu füllen. Er warf einen Blick in das weit ausgeschnittene Dekolleté, dem ein sinnlich-weicher Duft entströmte, den er mit einem tiefen Atemzug einsog. Ihm wurde schwindelig und das fordernde Kribbeln, das sich in seinem Körper ausbreitete, wurde stärker.

„Simon, guck‘ mal, sieht das nicht nach Regen aus? Wir sollten…“

Unvermittelt packte er sein Opfer und drückte es zu Boden. Es erstarrte unter seinen Händen und wehrte sich nicht. Umso besser. Er schob das Kleid hoch und …

Mit einem Schlag traf ihn ein scharfer Schmerz an der Schläfe und Sterne tanzten vor seinen Augen. Das Mädchen riss sich los und lief in den angrenzenden Wald.

Benommen setzte Simon sich auf. Neben ihm lag ein faustgroßer Stein. Wo zum Henker hatte diese Hexe den denn her? Er durfte das widerspenstige Ding nicht entkommen lassen, sondern musste es finden, bevor es die Polizei informieren konnte. Der Geruch des Parfüms lag noch in der Luft. Wie ein Raubtier nahm er die Witterung auf und sprintete zum Waldrand. Der Gedanke erregte ihn: er würde seine Beute durch die Dämmerung des Waldes hetzen und erlegen.

Kein Vogel zwitscherte in der dunklen Stille, nur knackendes Geäst und in der Ferne ein Donnergrollen. Plötzlich gab der Boden unter Simons Füßen nach, er stürzte in die Tiefe und schlug hart auf dem Grund einer Grube auf. Er kam schnell wieder auf die Beine und sprang hoch, aber seine Hände glitten vom Rand der Grube ab. Nur Erde, Kellerasseln und Spinnentiere rieselten in sein Gesicht.

Kurz darauf hörte er Stimmen. Das Mädchen und eine hagere, ältere Frau beugten sich über den Rand der Grube.

„Gott sei Dank!“, rief Simon. „Simone, es tut mir so leid, was ich getan hab‘. Bitte verzeih‘ mir.“

„Hör‘, wie er um Vergebung winselt“, spottete die Alte. „Da hast Du mir ja ein Prachtexemplar hergelockt.“

Prachtexemplar? Was hatte das zu bedeuten? „Simone, wer ist diese Frau?“

Die Frauen lachten, die eine glockenhell, die andere krächzend und es schien, als würden sie um ihn herumtanzen. „Was wollt ihr? Was habt ihr vor?“

„Was ich mit Dir vorhabe?“, höhnte die Alte, „Ich werde Dich räuchern und pökeln. Dein Schrumpfkopf wird einen Ehrenplatz in meiner Sammlung einnehmen.“

„Das ist nicht witzig.“ Simons Stimme klang heiser. „Es tut mir wirklich leid.“

Die hagere, kleine Frau beugte sich weit über den Rand der Grube. Ihr verfilztes Haar hin in langen Strähnen hinab.

„Kein Witz, ich lieben meine Schrumpfköpfe“, zischte sie.

Simon hasste diese Situation, er war Jäger und kein Opfer. Wie eine Sprungfeder schnellte er hoch, griff nach den Haaren der Frau und bekam eine Strähne zu fassen. Mit einem spitzen Schrei plumpste sie zu ihm hinab. Sofort begann sie, wütend auf ihn einzuschlagen. Simon bekam sie an der Kehle zu fassen und drückte zu. Die Hexe wandte sich wie eine Katze, aber ihre Bewegungen wurden langsamer. Triumphierend blickte er nach oben zum Rand der Grube. Das Mädchen stand noch dort und starrte entsetzt zu ihm hinab.

„Siehst Du?“, rief er triumphierend zu ihm hoch. „Siehst Du, wer hier gleich zum Schrumpfkopf wird?“

Plötzlich zerriss ein ungeheurer Schmerz seinen Körper. Er stieß die alte Frau von sich und sah hinunter. Sein eigenes Jagdmesser steckte in seinem Unterleib. Blut pulsierte aus der Wunde. Er ging in die Knie. Seine Sinne schwanden. Verdammte Hexen! Das war nicht fair!

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